Die Annäherungsversuche werden von beiden Seiten, von Konservativen in der Politik und in den Kirchen gefördert. Von rechten Gläubigen werden die Sympathiebeweise gern erwidert.

Die Zerstörung des Christentums im Namen des Christentums

Wie die unheilige Allianz rechtspopulistischer Politiker und konservativer Christen Frieden und Demokratie zerstören will

Nach der (noch vor uns liegenden) Bundestagswahl 2017 wird mit der AfD erstmals eine rechtspopulistisch orientierte Partei im deutschen Bundestag vertreten sein. Manche Umfragen sehen diese Partei sogar als künftige drittstärkste Partei im Bundestag, Rückenwind für die weitere Verbreiterung nationalistischer und völkischer Parolen in Deutschland.

72 Jahre nach Ende der Schoah mit ca. 6 Mio. nationalsozialistisch ermordeter Juden und einem verheerenden und zerstörerischen Weltkrieg mit über 60 Mio. Toten werden unverblümter Rassismus, ausgesprochene Demokratiefeindlichkeit und eine völkische Ideologie wieder „salonfähig“ sein in Deutschland.

Der Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein schrieb in einer Kolumne vom 11.09.2017 über die AfD dieser Tage:

»Die Leute wählen diese Partei nicht trotz ihrer rechten Ausraster – sondern gerade deswegen. Was sagt das über Deutschland?

Araber, Sinti und Roma sind „kulturfremde Völker“, Regierungspolitiker sind „Schweine“, und Deutschland ist „nicht souverän“ – das schrieb angeblich Alice Weidel, die feine Volkswirtin, einst in Frankfurt, und das fliegt ihr jetzt in der letzten Phase des Wahlkampfs um die Ohren. Aber Weidel ist nicht allein. Tür an Tür mit Alice sitzen ja in dieser Partei der böse Björn Höcke, der vom „Denkmal der Schande“ redet [gemeint war das Holocaust-Denkmal in Berlin] und der elegante Alexander Gauland, der eine Politikerin in Anatolien „entsorgen“ will. Das ist Nazi-Jargon.

So redet das Spitzenpersonal einer Partei, die bei der Wahl womöglich zweistellig in den Bundestag ziehen wird. Wir werden demnächst vielleicht 70 Abgeordnete im Parlament finden, die gegen solche Parolen nichts haben. Warum da der mecklenburg-vorpommersche AfD-Mann Holger Arppe aus Partei und Fraktion zurückgetreten ist, erschließt sich nicht so richtig. Er hatte in einer Netz-Unterhaltung unter anderem geschrieben: „…das ganze rotgrüne Geschmeiß aufs Schafott schicken. Und dann das Fallbeil hoch und runter, daß die Schwarte kracht!“ Das unterscheidet sich nur in Nuancen.«

Das Wählerpotential für Rassismus und Migratenfeindlichkeit, für Nationalismus und Ablehnung der Demokratie ist schon vor Jahren in Untersuchungen nachgewiesen worden, neu und beängstigend ist, in welch kurzer Zeit diese Einstellungen nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geäußert werden, sondern wählbar für den Bundestag geworden sind. Rechtspopulismus und Rechtsextremismus verschieben die gesellschaftliche Mitte, setzen demokratische Parteien unter Druck und gewinnen enorm an politischem Einfluss.

In einer globalisierten Welt, in der einflussreiche Investorengruppen und wenige z.T. marktbeherrschende Unternehmen die Geschicke der Menschheit mindestens im selben Ausmaß bestimmen können wie wenige imperial agierende Großmächte dieser Welt, verliert der Mensch mit seinen Rechten und in seiner Humanität und Freiheit an Bedeutung. Menschliche Kultur und Zivilisation, wesentlich geprägt durch die Orientierung an gemeinschaftsstiftenden Werten im Glauben an Gott und im (aufgeklärtem) Wissen um die Natur und die Rechte des Menschen. Diese Orientierungen scheinen im 21.Jh. wirklich ernsthaft bedroht zu sein.

Wessen Interessen dient der Einzug einer rechtspopulistischen Partei in den Bundestag und wie ist es möglich, dass Nazi-Jargon respektabel geworden ist bis in eine „bürgerliche Mitte“ Deutschlands? Die Bruchstücke der Ideologie des Rechtspopulismus verraten die Sehnsüchte der Wähler und die strategischen Zielsetzungen des Führungspersonals der AfD in einem Netzwerk mit einflussreicheren Interessengruppen in Deutschland.

Angst vor sozialem Abstieg treibt nicht wenige Menschen um angesichts drohender Krisen des globalen Kapitalismus. Wachstum, der ohnehin nie allen Menschen zugleich zugekommen ist, scheint an seine Grenzen zu kommen, obwohl noch nicht einmal nachhaltige Antworten auf die ökologischen Herausforderungen dieses Planeten erreicht worden sind. Wenn die Freiheit der Märkte keinen Wachstum mehr garantieren können, wundert es kaum, wenn gewisse politische und wirtschaftliche Interessengruppen in immer mehr Staaten mit „Lösungen im Krieg“ liebäugeln.

In unserer „westlichen Welt“ marschiert die republikanische Trump-Regierung der USA vorneweg im Heranrücken an Krieg im größeren Stil. „America first“ lautet das Fanal. Nationalismus bietet sich als „Ausweg“ aus Wachstumskrisen an, läuft in Wirklichkeit jedoch nur eine Zuflucht im Krieg hinaus.

„Volk. Nation. Familie.“ und ein geschichtsverfälschend (angeblich) in der „christlichen Tradition des Abendlandes“ begründetes Bekenntnis zu konservativen Traditionen sind wesentliche Versatzstücke des Rechtspopulismus. Gemeint aber sind die Abschaffung des Menschenrechtes auf Asyl, die „Entsorgung“ einer Integrationsbeauftragten mit ethnisch türkischen Wurzeln, Mauern an den Grenzen Europas, vermutlich massenhaftes „Abschieben“ von Flüchtlingen und Migranten und natürlich das (oben zitierte) „Fallbeil“ für Demokraten. Erwünscht ist ein Krieg gegen Muslime, die auf militärische Macht begründete Präsenz „deutscher Interessen“ (nicht nur) im Nahen Osten.

Noch im Juli 2017 »sah es so aus, als verlören Rechtspopulisten in Deutschland an Bedeutung. Die Umfragewerte der AfD gingen zurück. […] Wenig beachtet haben unterdessen fromme Christen und konservative, von den Unionsparteien ihre Allianz verstärkt. Sie hoffen ein anderes Mobilisierungsthema gefunden zu haben. Nach der Euro- und Flüchtlingswollen sie nun wieder ihren Widerstand gegen Abtreibungen, die gleichgeschlechtliche Ehe und „Gender-Mainstreaming“ betonen – und so die AfD beflügeln.

Die Annäherungsversuche werden von beiden Seiten, von Konservativen in der Politik und in den Kirchen gefördert. […] Von rechten Gläubigen werden die Sympathiebeweise gern erwidert. Neben Hedwig von Beverfoerde hat sich auch Gloria von Thurn und Taxis in dieser Szene einen Namen erworben. Auf ihrem Regensburger Schloss bringt sie seit Langem fromme Katholiken und konservative Politiker zusammen. Inzwischen bezeichnet sie sich selbst sogar, im Vokabular der Populisten, als Systemgegnerin: „Ich möchte nicht regimetreu sein.“

Die politischen und religiösen Rechten verbindet ein Gefühl der Heimatlosigkeit. In der katholischen Kirche verstört sie Papst Franziskus mit seinen Reformen. […] Und in der Union finden sie als Gegner der Merkel-Moderne kein Zuhause mehr. Sie vermissen traditionelle Familienwerte in der CDU.“ (Spiegel 29/15.07.2017, S. 48 f.)«

Die im Spiegel erklärten Netzwerke zwischen Rechtspopulisten und bestimmten konservativen Katholiken reichen noch weiter. Als Konkurrenzorganisation zum Zentralkomitee deutscher Katholiken wurde im Jahre 2000 das „Forum deutscher Katholiken“ gegründet.

wikipedia: Forum deutscher Katholiken

Das Forum will sich zum „unverfälschten und unverkürzten“ Glauben bekennen, zum Kuratorium des Forums zählt neben der schon zitierten Gloria von Thurn und Taxis und einigen weiteren Prominenten aus deutschem Hochadel auch Gabriele Kuby, die sich als Verfechterin konservativer Positionen international einen Namen gemacht hat. Sie wirkt wie eine öffentlichkeitswirksame „Vorkämpferin“ für die Ideologien des Rechtspopulismus.

wikipedia: Gabriele Kuby

taz: Katholiken und AfD – das Tischtuch ist endgültig zerrissen

In einer Rede in Cleveland/USA kurz nach dem Wahlsieg Trumps präsentierte Gabriele Kuby sich in einem „massiven Kampf“ und bekannte sich eindeutig zur Präsidentschaft Trumps, dessen politische Zielsetzungen doch eindeutig und unmissverständlich bekannt waren. Offensichtlich ermuntert von Trumps Verheißungen trat sie hier als entschiedene Gegnerin westlicher Demokratien auf.
Nach „einem langen Marsch durch die Institutionen“ sei die 68er-Generation in den Spitzen der Gesellschaft angekommen, in den westlichen Demokratien (USA, Deutschland usw.) erlebten wir angeblich eine „Revolution von oben“, tatsächlich existiere hier „Totalitarismus“. [Historisches Vorbild dieser demagogischen Verdrehung eigener Zielsetzungen ist die „Dolchstoßlegende“: Erst die Revolution von 1918 und die erste Demokratie in Deutschland hätten „das Reich“ und „die Nation“ zerstört. Im „3. Reich“ konnte das „Volk“ wieder zu „wahrer Größe“ finden.] Als vorbildlich nennt sie die von Rechtskonservativen regierten Staaten Polen und Ungarn.

Nach Europa sei eine „Flut“ von Flüchtlingen gekommen, „Millionen und weitere Millionen“ warteten nur darauf zu folgen. Den Deutschen unterstellt Gabriele Kuby, ihre „Identität“ sei ausschließlich durch das Gedenken an den Holocaust geprägt, das Hissen der Nationalflagge sei fast tabuisiert. Im „Namen Gottes“ und „im Glauben“ sieht sie sich im Kampf („in the battle“) um den Bestand der Ehe und den Erhalt der Nation.

„Systemfeindlichkeit“, Ablehnung unserer Demokratie als „Totalitarismus“, Warnung vor einer „Flut“ (muslimischer) Flüchtlinge, Nationalismus und ein gespenstisches Selbstbild vom „aufrechten Kämpfer“ (in einem Krieg) „im Namen Gottes“ sind die Schlüsselwörter, die sich mit dem „Völkischen“ der AfD zu einem ideologischen Ganzen verbinden. Das gemeinsame Ziel: die Zerstörung demokratischer Strukturen durch Mobilisierung des rechtspopulistischen Mobs.

Gabriele Kuby: Bringing America Back to Life 2017

Ebenso öffentlichkeitswirksam befüttert wird das Netzwerk durch die Internet-Plattform

www.kath.net

Eine Archivsuche zum Stichwort „AfD“ unterstreicht die Bereitschaft der Betreiber, mit der AfD den Diskussionsprozess zu suchen und ggf. zu vertiefen, was einzelne kritische Veröffentlichungen nicht ausschließt. Ausgewählte Artikel-Überschriften:

26 April 2017, 10:00
Prominente evangelische Christen weiter in AfD-Führung präsent

17 Mai 2017, 11:30
Politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte

03 Juli 2017, 12:00
Erzbischof Koch warnt: ‚Ehe für alle stärkt die AfD‘

07 September 2017, 10:30
Diskussion zwischen Kirche und AfD geht weiter

Im „Namen Gottes“ und im „Namen des Christentums“ wird niemals Krieg zu rechtfertigen sein. Programmatik und Vorgehen der AfD sind nach Ansicht der katholischen Bischöfe in Deutschland nicht mit christlichen Werten vereinbar:

Deutsche Bischöfe distanzieren sich von der AfD

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