Der neue Anti-Feminismus ist eine politische Ideologie „moderner“ Frauen gegen die Freiheit. Seine pseudo-wissenschaftliche Grundlage ist eine rechtspopulistische Sündenbock-Theorie.

2017_12_28_diana

 

Kolume von Diana Sonntag

 

 

Der größte Irrtum in der Beurteilung des neuen, rechtspopulistisch gefärbten Anti-Feminismus, als deren Initiatoren und deutsche Sprachrohre die Soziologin Gabriele Kuby und die Publizistin Birgit Kelle zu bezeichnen sind, ist: zu vermuten, dass es sich hierbei gesellschaftspolitisch um eine Marginalie, lediglich um ein unerhebliches Randphänomen des konservativen Katholizismus handelt. Längst ist die Bewegung in die Medien und in die Politik eingedrungen, und zwar nach einem seit den Neunzigern des 20. Jahrhunderts angeleierten neo-konservativen „Marsches durch die Institutionen“, der sich bei der Bundestagswahl 2017 im Erfolg der AfD erstmals radikal niedergeschlagen hat.

Ausgehend von einer propagandistisch motivierten, also politisch beabsichtigten Fehl-Interpretation und perversen Entstellung der Philosophie Judith Butlers (Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley), begründete die Soziologin Gabriele Kuby (Publizistin und Übersetzerin im Bereich der Esoterik), die seit über einem Jahrzehnt mit ihrer unwissenschaftlichen Verunglimpfung der Philosophie Butlers durch Polit-Talkshows zieht und eine Nachahmerin in Birgit Kelle gefunden hat – ausgehend davon begründete Kuby die anti-feministische Bewegung gegen das von ihr aus politischen Gründen als Sündenbock-Theorie frei erfundene „Gender-Mainstreaming“ eines angeblichen demokratischen Totalitarismus, der ihrer rechtspopulistischen Propaganda nach im Namen Butlers und der LGBT-Bewegung eine linke Diktatur der Zwangssexualisierung und damit der Unterwerfung der Weltbevölkerung vorantreibt.

Ihre Sündenbock-Theorie fungiert als Köder, einen degradierten Mob (ein Ausdruck der Philosophin und politischen Theoretikerin Hannah Arendt) für ihre reaktionäre Sache zu instrumentalisieren. Sie gibt sich selbst als das personifizierte Frühwarnsystem gegen die LGTB(Q)-Weltverschwörung aus. Gabriele Kuby erfand diese angebliche „Ideologie“ des „Gender-Mainstreamings“, um einen Feind zu kreieren, zu markieren, d.i. gesellschaftspolitisch eine Bevölkerungsgruppe zum Sündenbock zu stilisieren, der es sogenannten Bürgerlichen im rechts-konservativen Milieu ermöglicht, im Stil der Volksverhetzung gegen die Demokratie aufzubegehren, um mithilfe des Mobs ein anti-demokratisches System zu etablieren.

Hier gilt es genauer hinzuschauen. Es entzündet sich jene Sündenbock-Theorie am Thema Feminismus. Bereits auf den ersten Blick ist erkennbar, dass es sich hier genuin um eine Feminismus-Debatte handelt, wenn man beobachtet, mit welchen Titeln und Themen Kuby und Kelle ihre Publikationen überschreiben. Im Vordergrund steht das Thema Sexualität und im Zuge dessen das Thema Ehe und Familie. Kuby und Kelle, beide konvertierten als Erwachsene in die Katholische Kirche, bewegt die Agenda: Wie kann konservative Sexualmoral für moderne Frauen wieder zur Norm erhoben werden?

Der modernen Frau den Anti-Feminismus samt rückständiger Sexualmoral schmackhaft zu machen, das erschien uns in den letzten Jahrzehnten ein politisch unmögliches Unterfangen zu sein. Es zeigt sich aber dieser Tage, dass es etwas ganz anderes ist: nämlich offensichtlich immer noch ein bewährtes Mittel, die Gesellschaft und damit die Politik nach rechts zu zwingen.

Freiheit zu wagen ist das letzte, was Birgit Kelle nahelegen will, wenn sie Frauen auffordert: „Dann mach doch die Bluse zu“. Die Bluse zumachen – bedeutet ja nichts anderes, als sich mit Sexismus und Chauvinismus zu arrangieren. Herr-schaft wird bei Kuby und Kelle nicht nur als von Gottes Gnaden interpretiert, und das Verhältnis der Geschlechter anthropologisch auf Basis des Naturrechts schwärmerisch verklärt (der Untertitel ihres Buches „Dann mach doch die Bluse zu“ lautet „Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“), sondern das Thema Herrschaft ist längst zu einem knallharten politischen Programm geworden von „Bürgerlichen“, die sich „nicht mehr vertreten“ fühlen. Und sie haben einen Traum: Macht. Ob völkisch-national, pietistisch-monarchistisch oder monarchisch-katholisch, das variiert noch. Der Punkt ist der Lebensstil, den sie, und zwar in post-faktischem Gesinnungsterror, dem zum Massenmenschen erniedrigten Mob aufschwatzen und spätestens in vier Jahren aufoktroyieren wollen im faktischen Gegensatz zu einer Philosophie der Freiheit und einer Ethik der Gewaltlosigkeit beispielsweise bei Judith Butler. Und wie dieser Lebensstil auszusehen hat, das leben sie (von langer Hand geplant und medienwirksam in Szene gesetzt) mit stolz geschwellter Brust immer hemmungsloser aus: Jagd auf zum Abschuss frei gegebene Sündenböcke, eine Propaganda der Denunziation, Pseudo-Wissenschaft und „moderner“ Anti-Feminismus der allerfinstersten Sorte.

2 Antworten

  1. Tom sagt:

    Tolle Beiträge! Endlich ist das schweigen vorbei!

    • Nordlicht sagt:

      Vielen Dank! So ist es: Das Schweigen ist vorbei, sehr gute Bemerkung, das ist die Stoßrichtung, denn Schweigen wäre, hart gesagt, Zustimmung.

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