Greift ein rechtskatholisches (Opus Dei-)Netzwerk mit ÖVP-Chef Kurz zur Macht?

Aktueller Hinweis vom 28.10.2017: Der nachfolgende Artikel ist inzwischen fortgesetzt und vertieft:

https://confessiones.online/2017/10/26/opus-dei-netzwerke-in-oesterreich-erreichen-direkten-einfluss-auf-die-kuenftige-regierung/

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Noch am Vorabend der Nationalratswahlen in Österreich am 15.10.2017 wird ÖVP-Chef Kurz als klarer Favorit in der letzten Umfrage vor der Wahl gehandelt. Oe24.at prognostiziert 33% für die Liste Kurz, 27% für die FPÖ und nur 23% für die SPÖ. „Research Affairs für ÖSTERREICH (1.000 Befragte vom 6.–8. 10., maximale Schwankungsbreite: 3,2 %) etwa gibt der ÖVP 33 %, das wäre im Vergleich zu 2013 ein Sprung um 9 Prozentpunkte! […] Allerdings: Ganz ist der Kampf um Platz 2 noch nicht gewonnen, die SPÖ von Kern legte zuletzt zu, vielleicht gibt es ja da doch noch eine Überraschung. […] Schwarz-Blau ist inzwischen die beliebteste Koalitionsvariante. 30 % hätte diese Koalition gerne, eine neuerliche Zusammenarbeit von SPÖ und ÖVP wollen indes nur elf Prozent. Und: Sollte Kurz die Wahl gewinnen, sind überhaupt 40 % dafür, dass er Schwarz-Blau macht.“

Letzte Umfrage vor der Wahl

Unter einem Bundeskanzler Kurz käme es möglicherweise in Österreich zu einem deutlichen Rechtsruck (vgl. Orbán in Ungarn), einer Koalitionsregierung aus ÖVP und FPÖ. Die in Österreich ohnehin schon ausgeprägte Migrantenfeindlichkeit bis hin zum offenen Rassismus, die fortgesetzte Aushöhlung demokratischer Strukturen bis hin zu autokratischen Herrschaftsformen sowie eine Familienpolitik mit einem Rückfall ins Patriarchat der 50er Jahre (oder noch weiter zurück bis ins 19. Jh.) könnten Oberwasser bekommen. US-Präsident Trumps Kalkulation der internationalen Konfliktverschärfung bis hin zu Kriegen fände einen weiteren Verbündeten in Europa.

Die in Österreich mit größtem Erfolg operierenden Netzwerke von Rechtskatholiken und Rechtspopulisten werden ihre eng verzahnten Freunde in Deutschland beflügeln. Der voraussehbare Wahlausgang im benachbarten Österreich wäre ein Muster für die Machtbestrebungen von Rechtskatholiken und Rechtspopulisten, die sich parteipolitisch organisieren.

In Österreich kaum und in Deutschland offensichtlich nicht einmal im Ansatz bekannt ist, w e r in Österreich unmittelbar durch direkten Einfluss auf die Mächtigsten in einem nach rechtsgerückten Staat federführend werden will. Ein seit Jahrzehnten planvoll aufgebautes Netzwerk aus (Opus-Dei-)Familienclans mit Zugriff auf fundamentalistisch ausgerichtete „katholische“ Medien.

Der „Spiegel“ widmete sich in seiner Ausgabe vom 07.10.2017 (41/2017) dem „Zocker“ Sebastian Kurz (vgl. dort S. 92 ff.). Nicht ohne eine gewisse Hochachtung beschreibt der Autor Walter Mayr seine Eindrücke von einer USA-Reise des noch amtierenden Außenministers Österreichs: „Wer den 31 Jahre jungen Kurz begleitet, ob in Wien, beim EU-Treffen in Tallinn oder auf großer Bühne in New York zwischen Donald Trump und Henry Kissinger, der erlebt einen Politprofi, der seinen Willen zur Macht hinter makellosen Manieren verbirgt und seinen harten Kern hinter weichgezeichneten Strukturen. Kurz denkt wie ein Schachspieler mehrere Züge voraus, erwünschtes Medienecho inklusive. […] Mit 27 Außenminister, mit 31 Regierungschef? Die Karriere des ÖVP-Kandidaten verläuft in rasendem Rhythmus. Dass sich da ein lernender ums höchste Regierungsamt bewirbt, ist unverkennbar.“ […] Die Operation Kanzleramt sei durch Kurz und seine Mitarbeiter seit langem geplant worden, titelte das Wiener Stadtmagazin ‚Falter‘ und veröffentlichte vertrauliche ÖVP-Dokumente, die sich lesen wie das Drehbuch zur Machtübernahme.“ (ebenda, S. 92)

Das Wiener Stadtmagazin „Falter“ hat noch mehr beschrieben, als es ein „Spiegel“-Leser erfahren durfte:

„Die christliche Leitfigur der neuen ÖVP

Ist Bernhard Bonelli, Freund und Mitarbeiter im Ministerbüro Sebastian Kurz, Anhänger des umstrittenen Opus Dei?

Er wich ÖVP-Chef Sebastian Kurz letzte Woche in New York nicht von der Seite, er schreibt ihm Reden, und auch eines der umfassenden Strategiepapiere, über die der Falter in seiner letzten Ausgabe berichtete, jenes über Wirtschaftspolitik, trägt seine Handschrift: Bernhard Bonelli, seit Juni 2017 im Ministerkabinett Kurz als Referent mit Sondervertrag beschäftigt, muss für Kurz ein besonders wichtiger Mann sein. Und umgekehrt. Schon 2015 erzählte der studierte Philosoph Bonelli dem MBA-Nachrichtendienst ‚Poets&Quants‘, dass er nach Abschluss seines MBAs an der IESE Business School in Barcelona gern zurück nach Wien gehen würde, um nach zwei Jahren Arbeit für die Boston Consulting Group als Berater in die Politik einzusteigen. Gesagt getan. Bonelli ist ein junger Mann, der seine Zukunft genau plant – so wie sein vier Jahre jüngerer Freund und Trauzeuge Sebastian Kurz.“

Die christliche Leitfigur der neuen ÖVP

Werfen wir einen ersten Blick zurück in die Wiener Vergangenheit: Am 06. Juli 2013 heiratete Bernhard Bonelli bei Wien Natalie Maria Bonelli, wohl einen Spross des Mediziners und Universitätsprofessors und Opus Dei-Strategen Johannes Bonelli. Als Trauzeuge auf einem Foto deutlich links stehend erkennbar: der damals noch unbekannte Sebastian Kurz. Aus ihrem öffentlichen Facebook-Account hat Natalie Maria Bonelli ihre Verbandelung mit Bernhard Bonelli, der dann den Nachnamen Bonelli angenommen hat, öffentlich zur Schau gestellt (vgl. Post vom 11.07.2013).

bonelli_nathali_familie_kurz

Im aktuellen Instagram-Account findet man bei Bernhard Bonelli das Abonnement von Sebastian Kurz, aber auch den Account der US-amerikanischen Gruppe „catholicvote“, die jüngst erst ein Bild bewaffneter Ordensschwestern veröffentlicht hat, versehen mit der Textbegleitung: „Nicole Stacy is at the CV blog today discussing the Caholic Gun Owner’s Guilt-Trip Survival Guide.“ (Eingestellt am 07.10.2017, also kurz nach dem jüngsten Amoklauf eines Todesschützen mit vielen Toten in Las Vegas/ USA. Vgl. Bild vom Instagram Account.) Eine solche Adresse gefällt Bernhard Bonelli, dem Berater des Sebastian Kurz!

bonelli_bernhard_instagram

catholic_vote_klein

Schon seit April 2011, also vor Einheirat in den Familienclan der Bonellis widmete sich der gelernte Philosoph für die Boston Consulting Group den Studien der strategischen Unternehmensberatung.

Seine Ausbildung beschreibt er selbst in seinem öffentlichen Facebook-Account: HTBLVA Mödling, Public Policy-Studium an der Georgetown University (Abschlussjahrgang 2009), Philosophie an der Universität Wien (Abschlussjahrgang 2010), IESE Business School (09/2013 bis 05/2015) in Barcelona.

Bernhard Bonelli auf Facebook

Bernhard Bonelli als Unternehmensberater

Man kann davon ausgehen, dass Bernhard als Talent jenes rechtskatholischen Clans entdeckt und gefördert wurde.

Kopf der Bonelli-Familie ist Univ.-Prof. Dr. Johannnes Bonelli, u.a. seit 1990 Direktor des IMABE-Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik, von 1996 bis 2011 Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben. Vorsitzender des Kuratoriums des IMABE-Instituts ist Diözesanbischof DDr. Klaus Küng, St. Pölten.

Laufbahn des Johannes Bonelli

Johannes Bonelli am IMABE Institut

Kuratoriumsvorsitzender und Mediziner DDR. Klaus Küng schloss sich bereits 1961 der Opus Dei-Prälatur an. Von 1976 bis 1989 übte Küng das Amt des Regionalvikars des Opus Dei in Österreich aus:

Lebenslauf Klaus Küng

Das IMABE war 1988 eine Erfindung des damaligen Sprechers des Opus Dei, Enrique Prat de la Riba; seit 1990 übernahm die Bischofskonferenz Österreichs die Spesen. Er findet sich als Wissenschaftler in der Wikipedia-Liste bekannter Opus Dei-Mitglieder als „Mitgründer und Geschäftsführer des Wiener IMABE-Instituts“, ebenso wie Johannes Bonelli als „Mitgründer und Leiter des Wiener IMABE-Instituts“.

Wikipedia: Liste bekannter Opus Dei-Mitglieder

Mit Natalie Maria Bonelli verheiratet ist Bernhard Bonelli ein enger Berater des eventuell künftigen Bundeskanzlers Sebastian Kurz. Aktuelle News über Sebastian Kurz finden sich in der Facebook-Gruppe ÖVP-Watch:

Facebook: ÖVP watch

Raphael Bonelli, verheiratet mit der Kommunikationswissenschaftlerin Victoria Bonelli, ist ein Wiener Psychiater, der gemeinsam mit seiner Frau das Wiener RPP Institut betreibt, er ist immer wieder mit dem Opus Dei in Verbindung gebracht worden; wir haben hier schon mehrfach über ihn berichtet, verweisen hier nur auf die Wikipedia-Darstellung.

Wikipedia: Raphael Bonelli

Das Netzwerk der Bonellis ist auf den öffentlichen Facebook-Accounts der jeweiligen Frauen Natalie und Victoria einsehbar:

Bei Natalie Maria Bonelli, Ehefrau des Kurz-Beraters, finden wir u.a.: Gudrun Kugler (ÖVP-Kandidatin auf der Liste Kurz, wir berichteten), Martin Kugler (wir berichteten mehrfach über das Ehepaar Kugler), Sophia Kuby (Tochter Gabrieles Kubys, über beide berichteten wir ebenfalls mehrfach), Victoria Bonelli, Roland Noé (kath.net, wir berichteten mehrfach), Linda Angela Noé (kath.net, wir berichteten mehrfach).

Dass im wissenschaftlichen Beirat jener Kaderschmiede IMABE ein Univ.-Prof. Dr. Christian Noe (Medizinische Chemie) aufgeführt wird, der – wie Johannnes und Raphael Bonelli – aus Schärding (OÖ) stammt, verwundert schon nicht mehr.

Lebenslauf Christian Noe

Im Facebook-Account Victoria Bonellis, Ehefrau Raphael Bonellis, finden wir u.a.: Gudrun Kugler, Martin Kugler, Klaus Kelle, Johannes Hartl (Gebtshaus Augsburg, wir berichteten), Roland Noé, Veronika Bonelli

Immer wieder taucht ein weiterer Aktivist des Netzwerkes in den Freundeslisten auf: P. George Elsbett, Regionalkoordinator des Regnum Christi in Österreich und ein Priester der Legionäre Christi. Seine Spezialgebiete sind: Theologie des Leibes, Ehebegleitung und -vorbereitung sowie Berufung, u.a. als Referent bei Radio Maria Österreich.

Profil P. George Elsbett

kathpedia über Goerge P. Elsbett

Die Verharmlosung der politischen Umtriebigkeit rechtskatholischer Netzwerke hat in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass das Greifen nach weltlicher Macht – auf dem vermeintlichen Hintergrund einer religiösen Weltanschauung – und eine als spirituelle Ausrichtung getarnte Strategie der tatsächlichen Zerschlagung der Demokratie als Rechnung aufgehen konnte.

Wann wachen Politiker und Journalisten endlich auf?

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