Dirty Campaigning der neuen katholischen Rechten. Phantasy statt Politik.

Interview mit Wolfgang Blankschein, Confessiones-Autor:

Wie erklärst du dir, dass die Sündenbock-Theorie der neuen katholischen Rechten sich an den 68ern aufhängt?

Wolfgang: Vorkämpfer dieser neuen katholischen Rechten wie zum Beispiel Gabriele Kuby, Birgit Kelle oder Gudrun Kugler aus Wien nutzen ausschließlich Zerrbilder in ihren Reden und Veröffentlichungen. Gabriele Kuby sagt von sich selbst, sie sei nur eine Mitläuferin der 68er-Bewegung gewesen.

Ich persönlich habe diese Zeit als Oberstufenschüler an einem Lübecker Traditions-Gymnasium erlebt, wir konnten vor Ort mit niemandem mitlaufen, sondern waren selbst die Aktivisten in einer norddeutschen Großstadt. Das Klima an meiner Schule war geprägt durch autoritäre Strukturen und gepflegten Stolz auf die tapferen deutschen Soldaten Nazi-Deutschlands. Häufig haben sich solche Lehrer im Unterricht über die sogenannte APO echauffiert. Und es kam dann zu heftigen Diskussionen.

Ich kenne niemanden, der freien Sex einfach so ausgelebt hätte. Wir wollten immer Ehrlichkeit und Authentizität in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, die Verlogenheit der Nachkriegszeit hatten wir schlichtweg nur satt.

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Kuby dagegen stellt die 68er-Bewegung wie eine einzige hypersexualisierte Wilhelm Reich-Kommmune dar. Sie selbst inszeniert sich als Märchenerzählerin über den „bösen 68er“-Wald, der jedes artige katholische Kindlein in Angst und Schrecken versetzen soll.

Also ist hauptsächlich die Angst gewollt, und 68 ist da sozusagen immer ein Treffer. Dasselbe Phänomen hat man ja auch bei dem Spiegel-Journalisten Matussek beobachten können. Er beschreibt seinen Weg „nach rechts“ als einen Weg über das Katholische – weg, weg, weg von 68.

Wolfgang: Matussek hat noch vor wenigen Jahren eine anregende SPIEGEL-Titelstory über Hermann Hesse geschrieben und darin recht differenziert die Hippies und deren Hesse-Rezeption zu Wort kommen lassen. Hesses Thema war v.a. Selbstfindung durch Befreiung von allen tradierten Lebensentwürfen, eine Aufforderung zur Rebellion gegen Überholtes.

Wir 68er haben unter der verlogenen Doppelmoral der 50er und frühen 60er Jahre gelitten und fanden diese unerträglich. Mit 15 Jahren habe ich deshalb z.B. Sigmund Freuds Texte begeistert gelesen. Menschen haben ein Triebleben, sind jedoch vernunftbegabt und können sich bewusst entscheiden, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen wollen, in aller Regel in einer festen Beziehung mit einer Partnerin bzw. einem Partner.

Wer heute Selbstinszenierern wie Kuby oder Matussek zum katholischen Rechten folgt, fällt hinter Sigmund Freud und die Psychoanalyse, er fällt hinter jede individuelle Befreiung des Menschen zurück in Familien- und Lebensvorstellungen vor 1900, diese Leute wünschen sich autoritäre Herrschaftsstrukturen und unterschlagen, wie schlimm im 19. Jh. die männliche Doppelmoral grassierte.

Das katholische Rechte, wie du es nennst, findet sich aber ganz „modern“, hat nach eigenem Ermessen Freud endlich dahingehend korrigiert, dass es das „Es“ in dem Sinne gar nicht gibt, und dass uns nämlich nur eingeredet wurde, von den 68ern natürlich, dass das „Es“ ausgelebt werden müsse, damit wir nicht platzen.

Wolfgang: Man muss die komplette Selbst-Inszenierung dieser katholischen Rechten aufnehmen und zusätzlich beachten, wie sie in aller Regel selbst wirklich leben. Dann kann man verstehen, wie sie quasi ein Marionettentheater von der „heilen katholischen Familie“ aufführen, welches das oft jüngere Publikum in Gebetshäusern so anrührt, wie es gewollt ist. Hinter der Bühne dagegen leben sich diese „Regisseure“ richtig aus, da ist alles nur eitel und rücksichtslos. Im Marionettentheater werden dem interessierten Publikum böse Figuren zur Abschreckung vorgeführt, angefangen hat es mit den bereits erwähnten Zerrbildern von 68ern, fortgeführt mit Zerrbildern von LGBT und heute spannungsreich gesteigert mit Zerrbildern von muslimischen Migranten und Flüchtlingen.

Woher der Hass? Woher die Jagd auf Sündenböcke, auf Schuldige? Ist das allzumenschlich, politisch oder religiös … ist das im Kommen, wird das modern?

Wolfgang: Der Hass hat teilweise Wurzeln in realen gesellschaftlichen Problemen, Wähler rechtspopulistischer Parteien erleben keine sozialen Perspektiven, sie fühlen sich „deklassiert“ oder vom sozialen Abstieg bedroht. In Deutschland hat die AfD bei der letzten Bundestagswahl ja gerade dort die meisten Stimmen bekommen, wo verhältnismäßig wenige Migranten und Flüchtlinge leben. Menschliche Angst speist sich oft aus irrationalen Quellen, Angst vor dem Unbekannten und dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber neuen Herausforderungen.

Das ist als psychisch erklärbares Phänomen schon allzu menschlich, politisch vernünftig sind solche Haltungen gerade nicht. Philosophen haben den Menschen immer als vernunftbegabt verstanden, er sollte seinen Verstand allerdings auch gebrauchen.

In Österreich leben ebenfalls verhältnismäßig wenig Migraten und Flüchtlinge in einem recht reichen Land. Die Menschen dort sind tief katholisch geprägt, gern wird die Geschichte Europas zitiert und scheinbar wiederbelebt: Österreich als christliches Bollwerk gegen den Europa bedrohenden „Strom von Muslimen“. Gepaart mit Wiener Schmäh sehen sich modern gerierende Jünglinge als Retter der modernen Zivilisation, aber ach, in ihrer Seele brennt diese tiefe Sehnsucht, als Ritter in einem neuen „Kreuzzug von Gottes Gnaden“ die muslimischen Gemeinschaften mindestens in ihre Schranken zu weisen. Das kommt offenbar gut an.

Das hat also eher was von Phantasy, dieses Marionettentheater. 68 ist für die neuen katholischen Rechten und Konvertiten und Rückbesinner von ehemals links die traurige Profanierung, die uns die Träume und Abenteuer genommen hat?

Wolfgang: Ohne Träume keine Hoffnung, Menschen wollen frei sein und nicht geknechtet. Pirat Keith Richard tourt noch mit seinen Rolling Stones und hinter die Befreiung durch den Blues der Schwarzen wird keine Kultur dieser Welt mehr nachhaltig zurückfallen können. Menschenrechte gelten für jedes Kind, jede Frau und jeden Mann dieser Welt. So: War, what is it good for? Absolutely nothing! Let’s drink to the hard working people, let‘s drink to the salt of the earth.

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Also ist 68 nicht schuld? An der Traumlosigkeit. Im Gegenteil?

Wolfgang: Die 68er mussten auch ihre naive Unschuld verlieren und erkennen, dass ihre Träume nicht einfach an der Realität zerschellen durften. Einige platzten wie schillernde Luftblasen. Man kann dennoch älter und alt werden, ohne deshalb als Rechter enden zu müssen, nur weil der Zeitgeist sich zeitweilig zu ändern scheint. Freiheit für alle Menschen ist einer der ältesten Träume der Zivilisation, dieser Traum wird immer Wirklichkeit bleiben. Zurück zum Untertanengeist vergangener Zeiten bietet dagegen keine realistischen Perspektiven. Nicht Ordnung wird erreicht, sondern Chaos und Unordnung: eine Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte.

Das Interview führte Diana Sonntag

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