Rechter Schulterschluss zwischen Parteiphilosophen (Marc Jongen, AfD) und katholischen Kurienkardinälen?

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte enthält die Wertorientierung für alle Menschen

Akute Weltuntergangsphantasien haben das Denken in der Kultur-Geschichte der Menschheit schon immer begleitet, vorzugsweise in solchen Zeiten, wenn imperial agierende Mächte mit Erfolg bestehende Hochkulturen zerstört haben oder zu zerstören drohten, Kriege mit all ihren grausamen Begleiterscheinungen zum Leiden der Menschen wurden. So war es zur Blütezeit des Römischen Reiches (nicht nur) in Judäa, ebenso im ausgehenden Mittelalter, als der „schwarze Tod“ Millionen Tote forderte, oder im 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und den unvorstellbaren Menschenopfern der Shoah. – In unseren Jahren beschwören rechtskatholische Kreise ebenso wie nicht wenige Rechtspopulisten den „Untergang Europas“, wenn nicht des ganzen „Abendlandes“. Gleichzeitig verschärft US-Präsident Trump Konflikte in der Weltgemeinschaft bis hin zum Krieg im Nahen oder ferneren Osten.

Grundsätzliche Zweifel am Wesen des Menschen waren noch nie einfach von der Hand zu weisen1), doch hat die Entwicklung der menschlichen Zivilisation immer wieder bestätigt, wie nach freierer Entfaltung strebende Menschen(gruppen) gerade in Zeiten größter Unterdrückung ihre Kräfte kulturell so bündeln konnten, dass sich daraus (rebellische) Sprengsätze aus einer nachhaltigen (inneren) Überlegenheit in der Werteorientierung sogar gegenüber imperialen „Supermächten“ mit enormer waffentechnischer Überlegenheit durchsetzen konnten.  – Im Gegensatz zu dieser kulturgeschichtlichen Weisheit, zumal in der Entwicklung des Abendlandes, fordern Rechtskatholiken wie -populisten heute eben gerade nicht auf die Freiheit des Menschen konzentrierte Orientierungen, sondern immer und immer wieder nur eine in (längst überholten) Konventionen erstarrte „Ordnung“ als „Rettung“ gegen den phantasierten „Untergang“.

Besinnen wir uns auf unsere tiefen Wurzeln in Europa:

Das Römische Reich konnte zwar 70 n.Chr. den Jerusalemer Tempel schleifen, hatte aber dem in der babylonischen Diaspora gefestigten und im Tanach verschriftlichen Monotheismus mit seiner enormen Ausstrahlung in den gemeinschaftsstiftenden Werten dieses Glaubens nichts entgegenzusetzen. Während Judäa besetzt und deren Heiligtümer nach Rom verschleppt wurden, wo ein weiterer Sieg der Flavier-Kaiser enthusiastisch gefeiert wurde – noch heute zu besichtigen am Titusbogen auf der Velia in Rom – , festigte sich die jüdische Religion dennoch und aus dem Frühchristentum entwickelte sich mit dem Glauben eine dem Römischen Reich weit überlegene Wertorientierung. Dem Bekenntnis des damaligen jüdisch-römischen Weltbürgers Flavius Josephus, Zeuge der Zerstörung Jerusalems, hat der deutsche jüdische Autor Lion Feuchtwanger – einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts – mit seiner Romantrilogie „Der jüdische Krieg“ ein Denkmal gesetzt. Feuchtwanger selbst sah in diesem Bekenntnis zum Weltbürgertum die einzig sinnvolle Identität angesichts der Schrecken der Shoah im Nazi-Deutschland.

Ein bekanntlich noch weitaus einflussreicherer „Weltbürger“, wir betrachten hier bewusst nur sein Wirken im irdischen Sinne, war Jesus Christus, dessen Leben und Wirken v.a. in den Evangelien weltgeschichtlich überragend gewürdigt worden ist. Als Missionar und einer der ersten Theologen des Christentums eröffnete nach Jesu Tod Paulus von Tarsus im engen Kreis des ersten Urchristentums den Siegeszug des neuen Glaubens für a l l e Menschen. Mit einzelnen Traditionen der jüdischen Religion wurde gebrochen, damit sich die Perspektive eines Glaubens für jeden Menschen, unabhängig von vorhandenen Kulturkreisen oder damaligen Staatengebilden, herausbilden und durchsetzen konnte. Diese das Abendland prägende Ausbreitung eines Glaubens mit nachhaltig überlegenen Wertorientierungen erfolgte nicht mit Hilfe militärischer Operationen oder durch Anwendung von Zwang, sondern die Menschen fanden unter Bedingungen z.T. grausamster Repression freiwillig, aus eigener innerer Überzeugung zu diesem Glauben. Im Jahre 380 n.Chr. – nach Jahrhunderten der Verfolgung und des Märtyrertums – wurde das Christentum schließlich zur Staatsreligion des Römischen Reiches.

Gerade zwei zum Tode verurteilte einzelne Menschen haben die Kulturgeschichte Europas bis heute tief geprägt: Der von römischen Besatzern gekreuzigte Jesus Christus und – schon ca. 400 Jahre vorher – der in Athen wirkende Philosoph Sokrates. Beide haben uns keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, jedoch mit der (griechischen) Philosophie und dem christlichen Glauben alle geistigen Grundlagen und Wertorientierungen des Abendlandes begründet. Weisheit (auch: Klugheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit (auch: Mäßigung) sind die überlieferten klassischen Kardinaltugenden (nach Platon und Cicero; ebenso enthalten in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Tanach); Glaube, Liebe und Hoffnung sind die theologischen Tugenden des Christentums (nach Paulus), die während des Mittelalters ergänzend akzentuiert worden sind.

Dieses allgemeine Durchsetzungsprinzip einer von Vernunft geprägten geistigen Wertorientierung gegenüber allen äußeren, vermeintlich stärkeren Mächten hat Bertolt Brecht während seines Exils in den wunderschönen Zeilen „Dass das weiche Wasser in Bewegung Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst, das Harte unterliegt.“ verdichtet („Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“, Svendborger Gedichte im Jahre 1939).

In der Überlegenheit dieser auf Philosophie (von der klassischen Antike über die Aufklärung bis zur Neuzeit) und christlicher Religion basierenden Wertmaßstäbe konnte sich über zwei Jahrtausende ein immer freieres Selbstverständnis a l l e r Menschen bilden, welches in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, bestehend aus 30 Artikeln, von den Vereinten Nationen für a l l e Menschen zusammengefasst wurde. „Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ gründen auf die angeborene Würde und gleiche und unveräußerliche Rechte, Rede- und Glaubensfreiheit und die Freiheit von Furcht und Not werden darin garantiert, ebenso die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sozialer Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit (aus der Präambel). Ja, dort ist die Rede „von größerer Freiheit“, in unseren Zeiten eine nicht mehr so gern gehörte Formulierung. Und weiter heißt es wörtlich:

»Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Artikel 2: Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Des Weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebiets, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.«

https://www.amnesty.de/alle-30-artikel-der-allgemeinen-erklaerung-der-menschenrechte

Mit dieser Allgemeinen Erklärung hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10.12.1948 ihre Antwort auf all die Gräuel und Opfer des 2. Weltkrieges mit 60 bis 65 Mio. Toten gegeben – davon allein 13 Mio. Opfer deutscher Massenverbrechen, über 6 Mio. Juden waren Opfer des Holocaust. „Nie wieder Krieg!“ wollten alle Menschen nach diesen Erfahrungen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges

Die Opfer stalinistischer Säuberungen werden von Historikern auf von mindestens etwa 3 Millionen Toten bis hin zu weit über 20 Millionen geschätzt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Stalinsche_S%C3%A4uberungen

Die grundsätzliche Identität eines jeden Menschen dieser Welt kann sich nur auf dieses – wenigstens im Wortlaut allgemein anerkannte – Wesen des Menschen in all seine Rechten und freien Entfaltungsmöglichkeiten beziehen. Kaum ein Staat dieser Welt erkennt wenigstens in Worten diese Mindestansprüche auf Identität nicht an. Besonders von philosophisch geschulten Persönlichkeiten sollte jeder „mit Vernunft und Gewissen begabt[e]“ Mensch erwarten können, dass immer zuerst die Einhaltung der Menschenrechte für alle Menschen dieser Welt betont und eingefordert werden sollte, in dieser grundsätzlichen Wertorientierung sollten wir uns „im Geist der Brüderlichkeit“ begegnen können. Im Bewusstsein der herausragenden Bedeutung empfehlen wir hier ausdrücklich das (nochmalige) Nachlesen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und weiterer international vereinbarten Menschenrechts-Konventionen.

Rechtskatholische und rechtspopulistische „Vordenker“ wollen eine andere „Identität Europas“ – der Rückfall in Zeiten vor der Anerkennung allgemeiner Menschenrechte ist eingeplant

Möglicherweise als seismografische Vorankündigung größerer Erschütterungen durch (weitere) Kriege auf dieser Welt „denken“ selbsternannte Rechtskonservative und Reaktionäre ein sich an anderen Werten orientierendes Menschenbild „voraus“ und fordern gegenwärtig eine neue „Leitkultur“ (wie sie es selbst nennen) mit völlig anderen Schwerpunkten als den Allgemeinen Menschenrechten. In den medial zitierten Erklärungen und Interviews erwähnen sie eigentlich selbstverständliche Wertorientierungen aus den anerkannten Menschenrechten niemals, ihre eigentlichen Zielsetzungen erschließen sich daher nicht nur aus dem Gesagten, sondern besonders aus dem nicht (!) Gesagten.

In der sich abzeichnenden Vernetzung von Rechtspopulisten (bis hin zu offen demokratiefeindlichen Rechtsradikalen) und Rechtskatholiken, die besonders ihr gegen Papst Franziskus gerichtetes Wirken vereint, zu einer gesellschaftspolitisch wirksamen Strömung, beschwören deren „Vordenker“ den drohenden „Untergang“ mindestens Europas und intendieren eine andere, vor-demokratische  Gesellschafts- und Weltordnung.

Die im deutschsprachigen Raum, v.a. in Deutschland und Österreich, vernetzten Rechtskatholiken feiern derzeit besonders Kurienkardinal Robert Sarah als „Retter der Tradition der katholischen Kirche“, nachdem der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller und der US-amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke an Einfluss innerhalb der katholischen Kirche verloren haben. Ob Kardinal Sarah diese ihm zugeschriebene Rolle selbst übernehmen möchte, wird sich künftig erst erweisen. Wir haben ihn hier exemplarisch für nicht akzeptable Stimmen aus der katholischen Kirche zitiert.
– Als „Parteiphilosoph“ der rechtspopulistischen AfD Deutschlands wird seit geraumer Zeit in einigen Zeitungen Marc Jongen gehandelt.

Nicht nur in ihren Einschätzungen vom „Untergang Europas“ bzw. „des Abendlandes“ sind sie sich einig, ihre Bestandsaufnahme bietet ausreichend Raum für einen „ideologischen Schulterschluss“ zwischen Rechtskatholiken und Rechtspopulisten mit entsprechendem Niederschlag in gesellschaftspolitischen Räumen bis direkt in politischen Institutionen.

Europa „ohne Identität“?

In einem Interview mit Jürgen Liminski, das am 25.04.2017 im rechtskatholischen internet-Portal kath.net veröffentlicht wurde, sieht Kurienkardinal Robert Sarah, der laut Medienberichten zu den aussichtsreichsten Anwärtern auf die Nachfolge Papst Franziskus‘ zählen soll, »vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die allzu oft keine Identität und keine Religion mehr haben. Wenn eine Gesellschaft aber ihre eigenen Werte verdammt, die aus ihrer Tradition, Kultur und Religion hervorgegangen sind, dann ist sie dem Untergang geweiht. Denn sie hat damit jeglichen Antrieb, jegliche Energie und jeglichen Willen verloren, um für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen.«

http://www.kath.net/news/59341

Interviewer Jürgen Liminski ist ein bekanntes Opus Dei-Mitglied (vgl. unser Glossarium) und regelmäßiger Autor in Junge Freiheit und DiefreieWelt.net. »Politikwissenschaftler ordnen [die „Junge Freiheit“] einem „Grenzbereich zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus“ zu und bezeichnen sie als „Sprachrohr der Neuen Rechten“.« (Quelle: wikipedia)

https://de.wikipedia.org/wiki/Junge_Freiheit

Der deutsche Kurienkardinal Müller, von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, legte für die rechtskatholischen Anhänger nach und attestierte im Juli 2017 Europa eine „forcierte Entchristlichung“ (Quelle: s.u.).

»Das Problem betreffe nicht nur Deutschland; ganz Europa erlebe einen „Prozess forcierter Entchristlichung, der über die einfache Säkularisierung weit hinausgeht“, beklagte der Kardinal in einem Interview der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“.

In Europa sei eine „Entchristlichung der gesamten anthropologischen Grundlage“ im Gang. Der Mensch werde „strikt ohne Gott und ohne Transzendenz definiert“, so der Kardinal. Die gegenwärtige Lage sei schwerwiegend. „Alle Elemente des gelebten Glaubens, der Volksfrömmigkeit, sind zusammengebrochen“, sagte Müller, der vor seinem Wechsel nach Rom zehn Jahre Bischof von Regensburg war.

Das Zentrum der Kirche sei Christus; die Rede von einem Eurozentrismus ziele lediglich darauf, der Kirche eine politisierte Deutung zu geben. «

https://www.domradio.de/nachrichten/2017-07-21/kardinal-mueller-europa-erlebt-forcierte-entchristlichung

In diesem Statement finden wir ein bezeichnendes Muster für alle Verlautbarungen führender Katholiken, wenn sie in der Rezeption von Rechtskatholiken v.a. gesellschaftspolitisch gedeutet werden: Sie behaupten, nur um das transzendente Wesen des Menschen besorgt zu sein, umgeben sich jedoch gern auch mit konservativen Politikern und der Beifall gerade von Rechtspopulisten (bis hin zu ausdrücklich erklärten Gegnern unseres politischen „Systems“) ist ihnen stets sicher, wovon sie sich aber niemals distanzieren. Ihre tiefe Einwirkung in das gesellschaftspolitische Geschehen ist sehr wahrscheinlich intendiert, wird aber niemals zugegeben.

Auf welche Erfahrungen kann sich Kardinal Müller stützen, wenn er von einer „Entchristlichung der gesamten anthropologischen Grundlage“ in Europa spricht? Findet in Schulen kein Religions- oder Philosophieunterricht mehr statt, kennt er überhaupt Lehrpläne in diesen Fächern? Ist es Zufall, dass die Bundesrepublik Deutschland seit langem von einer Pastorentochter als Kanzlerin regiert wird, ist es Zufall, dass mit Katrin Göring-Eckard als grüner Spitzenkandidatin ein Mitglied der Synode der EKD gerade an Vorgesprächen zu Koalitionsverhandlungen für eine neue Bundesregierung einflussreich beteiligt ist? (Bewerten wollen wir diese Politikerinnen hiermit nicht, wir fragen uns nur: Von welchem Deutschland spricht Kardinal Müller in seiner Besorgtheit, wirklich vom real existierenden Deutschland?) Der Verfasser dieses Textes arbeitet seit vielen Jahren in einem Gymnasium einer schleswig-holsteinischen Großstadt am direkten Stadtrand Hamburgs, kennt den Religions- und Philosophieunterricht und die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler sehr gut; eine „Entchristlichung“ ist hier nicht zu bemerken.

Kurienkardinal Robert Sarah warnte schon 2015 vor einerDekadenz des Westens“ (Quelle: s.u.):

»Im Prozess der Gottesvergessenheit habe der Westen «das zerstört, was das Christentum an Höchstem und Schönstem gegeben hat: die Achtung des Lebens, der Würde des nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffenen Menschen», so der Kardinal. Zudem habe der Westen «einen oft gewaltsamen Anspruch, diese seine Dekadenz auch dorthin zu exportieren», wo nicht der Westen ist.«

https://www.kath.ch/newsd/kardinal-sarah-terroristen-finden-in-europa-weichen-bauch/

Nur in einem auf den ersten Blick scheinbar anderen Wortlaut äußerte sich AfD-„Philosoph“ Marc Jongen 2016 in einem „Zeit“-Interview (Quelle: s.u.), als er eine falsche Mentalität in Deutschland brandmarken wollte:

» ZEIT: Wer genau hat diese Mentalität?

Jongen: In der AfD wird gerne vom 68er-verseuchten Deutschland gesprochen, das wir verändern wollen. Mit dem Stichwort 68 ist eine Mentalität der scharfen Kritik an der Kriegsgeneration angesprochen – eine durchaus nicht in allem unberechtigte Kritik, die aber dazu geführt hat, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet. Man ist nicht mehr bereit, wie es für eine Kulturnation selbstverständlich sein sollte, das Eigene zu schützen und zu verteidigen, vielmehr stellt man in einem übertriebenen, letztlich neurotischen Humanitarismus das Fremde über das Eigene. Zu erkennen ist das an vermeintlichen Nebensächlichkeiten wie der typisch deutschen Tendenz, bei Anwesenheit auch nur eines Englischsprachigen im Raum sofort zum Englischen überzugehen. An sich ja eine höfliche Geste, die uns aber bald in die Situation bringen könnte, dass wir am Ende die eigene Sprache gar nicht mehr sprechen – wie schon heute in manchen Studiengängen an deutschen Universitäten. […] «

http://www.zeit.de/2016/23/marc-jongen-afd-karlsruhe-philosophie-asylpolitik

Von einer Orientierung an Menschenrechten und deren Einhaltung in allen Staaten der Welt sprechen sowohl Kurienkardinal Robert Sarah als auch Marc Jongen ausdrücklich nicht, der eine warnt vor „westlicher Dekadenz“, der andere vor „neurotischem Humanitarismus“. Was sie eint, ist die Überzeugung, in Europa hätten die Menschen ihre eigentliche Identität verloren, die sie aber ausschließlich im Wehrhaften gegen andere Kulturkreise (und ggf. auch anderen religiösen Überzeugungen) als „wahre Identität“ zugestehen wollen. Nach ihrem Verständnis ist eben das konsequente Praktizieren des Art. 2 der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte (siehe erster Abschnitt dieses Textes) „dekandent“ oder „neurotisch“:

Artikel 2: Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

In dem zitierten „Zeit“-Interview kommt Marc Jongen dezidiert zur Sache, natürlich hat er nicht Menschenrechte und deren strikte Einhaltung in allen Staaten der Welt im Hinterkopf, sondern den Verlust jener Orientierungen, die 1945 nach einem schrecklichen 2. Weltkrieg zusammengebrochen waren und wegen ihrer grausamen Konsequenzen überholt schienen:

» Jongen: Die Politik und erst recht die Parteipolitik ist auch ein Feld der Polemik, das lässt sich nicht vermeiden. Sie haben aber recht, dass das Bürgerliche eigentlich das Staatstragende ist, zu dem eine solche Polemik nicht wirklich passt. Wir sind in der historisch paradoxen Situation, dass das Bürgertum aus der staatstragenden Rolle herausgedrängt wurde und die sich bürgerlich nennenden Parteien linksradikale Politik machen. Der lange Marsch der 68er durch die Institutionen ist eben relativ erfolgreich verlaufen. Das ist eine Schieflage, die das Bürgertum seinerseits zwingt, fast schon revolutionäre Attitüden anzunehmen und verbal auf die Barrikaden zu gehen.

ZEIT: Wie konnte es denn zu dieser herrschenden Stellung des 68er-Milieus kommen?

Jongen: Es ist kein Zufall, dass dem 68er-Syndrom ein verheerender Krieg vorausgegangen ist. Ohne die historische Diskreditierung der älteren Generation hätte sich keine derartige Abwertung des Eigenen und keine derart gebrochene Selbstwahrnehmung des Volkes etablieren können.

ZEIT: Die AfD scheint sehr unter der Gebrochenheit zu leiden, die aus der deutschen Geschichte hervorgeht. Aber es gibt doch kein ungebrochenes Leben.

Jongen: Das ist schon richtig. Das Ungebrochene wird man niemals realisieren können. Aber als regulative Idee, mit Kant gesprochen, kann es doch Orientierung geben. Wir waren jetzt länger in einer historischen Phase der Differenz und der Nichtidentität, der Abkehr vom Eigenen. Diese Phase ist offenkundig an ein Ende gelangt, daraus geht nichts Produktives mehr hervor. Wir rücken jetzt in eine neue Identitätsphase ein. Davor muss man keine Angst haben, denn die Hauptgefahr liegt heute ja nicht darin, dass wir in Identität erstarren und in einen aggressiven Nationalismus verfallen, sondern dass wir das Eigene ganz verlieren.

ZEIT: Sehen Sie sich als Teil der identitären Bewegung in Europa?

Jongen: Soweit ich sehe, ist das eine Jugendbewegung, die den Identitätsaspekt in jugendlichem Überschwang geradezu glorifiziert. Ich würde mich dem nicht anschließen wollen, weil zweifellos ein verkürztes Verständnis von Kultur dahintersteht, aber ich sehe es trotzdem mit Sympathie, weil da versucht wird, das aus dem Lot geratene Gebilde der europäischen Kultur von der Identitätsseite her zu korrigieren. «

http://www.zeit.de/2016/23/marc-jongen-afd-karlsruhe-philosophie-asylpolitik

Die „historische Diskreditierung der älteren Generation“, die „gebrochene Selbstwahrnehmung des Volkes“ trifft die erst mit/nach der 68er-Bewegung ermöglichte gründlichere Aufarbeitung aller NS-Verbrechen, v.a. des Holocaust. Im heutigen Deutschland herrscht weitgehend ein demokratischer Konsens darüber, dass bis in die 60er Jahre hinein eine juristische und politische Aufarbeitung des Holocaust nicht möglich war, sie wurde systematisch im Nachkriegsdeutschland verhindert.

https://de.wikipedia.org/wiki/Auschwitzprozesse

Erst als 1979 im deutschen Fernsehen die amerikanische Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ ausgestrahlt würde, begann eine breite öffentliche Diskussion über Kriegsverbrechen und den Holocaust.

https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust_%E2%80%93_Die_Geschichte_der_Familie_Weiss

Und als einer unserer Confessiones-Autoren 1979 für sein erstes Staatsexamen zum Thema „Exilliteratur“ den Feuchtwanger-Roman „Die Geschwister Oppermann“ aus dem Jahre 1933 (damals Weltliteratur) verarbeiten wollte, konnte er nur die Originalausgabe von 1936 per Fernleihe nutzen, denn in der Bundesrepublik Deutschland war dieser jüdische Roman bis 1979 noch nicht wieder aufgelegt worden. Das änderte sich erst in den Folgejahren.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Geschwister_Oppermann

Von alledem weiß Marc Jongen offensichtlich nichts, vermutlich will er es einfach nicht wissen. Weshalb sollte er als AfD-Philosoph auch für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen interessieren, zu denen übrigens auch die brutale Unterdrückung eines christlichen Glaubensbekenntnisses gehörte. Er spricht stattdessen von einer „historische[n] Diskreditierung der älteren Generation“ und bekundet offen Sympathien für die identitäre Bewegung unserer Tage. „Politikwissenschaftler ordnen die Gruppe [d.h. die identitäre Bewegung] durchgängig als eine Spielart des Rechtsextremismus ein.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4re_Bewegung

Die angebliche „Bedrohung durch den Islam“ – „Identität“ nur im „Wehrhaften“

Sein äußerst verzerrendes Bild eines „Europa ohne Identität“ setzt Kurienkardinal Robert Sarah schon seit vielen Jahren dem bedrohlichen Islam gegenüber. [Seiner eigenen Persönlichkeit kann man durchaus tiefen Respekt zollen, da er als Kind und Jugendlicher menschenverachtende Christenverfolgungen in Guinea erlebt haben soll.] Doch mit dem Leben der Menschen der meisten Menschen in Europa kann er nicht wirklich tiefere Erfahrungen gesammelt haben, so unglaublich überzeichnet geißelt er die Lage in Europa in Verlautbarungen vom September 2017:

»Viele Jahrhunderte lang lebten in den Ländern südlich der Sahara Christen und Muslime friedlich Seite an Seite. Jener extremistische Islam aber, der als politische Organisation auftritt und sich dem Rest der Welt aufzwingen will, stellt nicht nur eine Gefahr für Afrika dar. Er ist ist vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die allzu oft keine Identität und keine Religion mehr haben. Wenn eine Gesellschaft aber ihre eigenen Werte verdammt, die aus ihrer Tradition, Kultur und Religion hervorgegangen sind, dann ist sie dem Untergang geweiht. Denn sie hat damit jeglichen Antrieb, jegliche Energie und jeglichen Willen verloren, um für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen.

In den Übergangsgebieten von Nordafrika nach Schwarzafrika, wo Christentum und Islam aufeinanderprallen, erweist sich die Warnung von Samuel Huntington als treffend und wahr: «die Ränder/Grenzen des Islams sind blutig. »

Syrien, Ägypten, Libyen, Irak: die Christen in diesen Ländern, dort wo die Religion historisch verwurzelt ist, stehen vor ihrer Auslöschung. In Rom sorgt das beim derzeitigen Papst für ein vergleichsweise müdes Achselzucken, während die europäischen Regierungen größtenteils die Augen davor verschließen können. […]

In die inhaltslose und identitäslose Leere der westeuropäischen Gesellschaften stößt der revolutionäre Islam als Heilsbringer und Anstifter hinein. Diese Äußerung und Analyse so zu tätigen, ist an sich nicht neu und doch für eine Führungsperson der Kirche erfrischend. Robert Sarah ist die Antithese zum derzeitigen Papst.«

http://younggerman.com/index.php/2017/09/11/kardinal-robert-sarah-europa-ist-ohne-identitaet-tradition-und-kultur-dem-untergang-geweiht/

Regelrecht begeistert wurden die Empfehlungen Kardinal Sarahs im Facebook-Account der rechtspopulistischen bzw. rechtsradikalen „Pegida“-Bewegung am 11.09.2017 wiedergegeben. Haben sie etwa einen Aufruf zum nächsten Kreuzzug herauslesen wollen?

In dem bereits zitierten kath.net-Interview vom 25.04.2017 ließ Kurienkardinal Robert Sarah nämlich schon die Möglichkeit offen, dass die Kirche sich „mit den menschlichen Problemen zu befassen habe“. W e m soll dieses „Befassen“ in gesellschaftspolitischen Räumen überlassen werden? Aus der Beantwortung dieser Frage können sich führende Kirchenvertreter nicht heraushalten.

»Kirche in Not: Sollen bei der Hilfe auch politische Probleme angesprochen werden?

Kardinal Sarah: Die Kirche täuscht sich schwer, wenn sie denkt, ihre Hauptaufgabe in der aktuellen Krise sei es, Lösungen auf alle politischen Probleme zu finden und dabei die Evangelisierung vernachlässigen zu dürfen. Natürlich kommt die Kirche nicht umhin, sich wie Jesus Christus mit den menschlichen Problemen zu befassen. «

http://www.kath.net/news/59341

Bereits 2015 sah Kurienkardinal Robert Sarah zwischen dem „dekadenten Europa“ und dem unbestreitbar gefährlichen IS-Terrorismus einen von ihm so ausgemachten inneren Zusammenhang. (Wir „lernen“ von einer eigensinnigen Dialektik eines Kurienkardinals, die es mit realen gesellschaftlichen Prozessen „weiß gott“ nicht allzu genau nehmen kann.)

»Kardinal Sarah: Terroristen finden in Europa «weichen Bauch»

Linz/Rom, 4.12.15 (kath.ch) Aus Sicht des afrikanischen Kurienkardinals Robert Sarah gibt es eine Gottvergessenheit in Europa, die er als Schlüssel für islamistischen Terrorismus ansieht. Möglicherweise sei das Phänomen des Extremismus islamistischer Prägung vorübergehend, sagte Sarah im Interview des österreichischen Internetportals «kath.net» (Freitag): Doch das Problem des Abendlandes werde auch nachher bleiben. Europa sei in Gefahr, «weil es Gott vergessen hat und folglich seine Kultur, seine Geschichte, seine Wurzeln, seine Identität», so Sarah.

Die Attentäter von Paris hätten gerade jene Orte angegriffen, «von denen wir meinen, sie seien Ausdruck des Lebens von heute: Freiheit, die oft in Anarchie mündet, Unterhaltung; Unbeschwertheit». Der Westen bestehe nicht nur darin, eine zügellose Freiheit genießen zu können, sagte der aus Guinea stammende Kurienkardinal: «Es ist aber das, was ein degenerierter Teil des Islams angreift.» Die Terroristen fänden «einen weichen Bauch, den sie treffen können, in dem uns die Abwesenheit Gottes und einer eigenen Identität schwach und wehrlos» gemacht habe. «

https://www.kath.ch/newsd/kardinal-sarah-terroristen-finden-in-europa-weichen-bauch/

In derselben Veröffentlichung wird schließlich deutlicher, worin die fehlende Identität Europas eigentlich zu identifizieren sei: in verbreiteter „Homosexualität“ und im „Genderismus“ (im Einzelnen siehe dann nachfolgenden Abschnitt):

»Dekadenz des Westens

[…] Sarah ist Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation. Der 70-Jährige gilt als einer der profiliertesten Vertreter einer konservativen Linie im Kardinalskollegium und scheut auch deutliche Kritik am Westen nicht. So verglich er bei der jüngsten Weltbischofssynode im Vatikan Kommunismus und islamistischen Fanatismus mit heutigen «westlichen Ideologien» zu Homosexualität und Genderismus. «

https://www.kath.ch/newsd/kardinal-sarah-terroristen-finden-in-europa-weichen-bauch/

Eine am 26.10.2017 im Internet verbreitete „Analyse“ aus dem rechtskatholischen Milieu zeigt, wie die Thesen des Kurienkardinals Sarah tatsächlich „an der Basis“ verarbeitet werden in der gesellschaftspolitischen Positionierung der Anhängerschaft. Will der Kurienkardinal diese Wirkungen fürwahr nicht kennen?

»Warum ist dieser Kardinal nun so sehr beim Papst in Ungnade gefallen? Etwa nur, weil er liturgisch conservativ ist? Das klingt etwas unglaubwürdig, ist diesem Jesuitenpapst doch die Liturgie wirklich kein Herzensanliegen. Daß Papst Franziskus nun durch sein Motu Proprio „Magnum principium“ die Kompetenzen der Übersetzung liturgischer Bücher an die Bischofskonferenzen übertragen hat, sie dezentralisiert und daß Kardinal Sarah diese Dezentralisierungstendenz in Frage stellte, mag den Papst verärgert haben, hat er aller Wahrscheinlichkeit nach diese Dezentralisierung wohl vorgenommen, damit die Deutschen Bischöfe ihre falsche Übersetzung: „für alle“ in der Eucharistiefier gegen den Willen Papst Benedikts nicht ändern müssen. Aber ist das ein Grund dafür, diesen Kardinal nun öffentlich so zu brüskieren?

Lesen wir mal, was dieser Kardinal zu einem der Herzstücke dieses Pontifikates geäußert hat, dem Willen, durch unlimitierte Aufnahme von „Flüchtlingen“, präziser gesagt von Wirtschaftsflüchtlingen, Europa in den Untergang zu führen:

„Die „Ideologie des liberalen Individualismus“ fördere eine Vermischung, welche die natürlichen Grenzen der Heimatländer und Kulturen auflösen wolle und auf eine „post-nationale und eindimensionale Welt“ abziele, in der nur Konsum und Produktion zählen würde, warnte der Kurienkardinal.“

„Europa habe seine Pflicht zu erfüllen, wenn es an der Destabilisierung der Länder mitgewirkt habe, aus denen die Flüchtlinge kämen. Das bedeute aber nicht, dass sich die europäischen Länder durch Masseneinwanderung verändern müssten, betonte er.“ (zitiert nach Kath net vom 25.10.2017)

Sagt Papst Franziskus nicht genau das Gegenteil? Bejaht er nicht gerade den „liberalen Individualismus“, indem er den Anschein erweckt, daß jeder Mensch ein Recht hätte, da zu wohnen, wo es ihm gefalle und daß dann die so heimgesuchte Nation alle bei ihr wohnen Wollenden aufzunehmen und zu versorgen habe?  Werden damit nicht notwendigerweise alle „natürlichen Grenzen der Heimatländer und Kulturen“ aufgelöst?

Wenn Papst Franziskus im Einzelfall nun Geschieden-Wiederverheiratete zum Empfang der hl. Kommunion zulassen will, wenn denen dies ihr Gewissen erlaubt, auch wenn sie nicht enthaltsam leben, manifestiert sich darin nicht der Individulalismus, der sich auch in der Proklamation des Rechtes jedes Einzeln manifestiert, da wohnen und leben zu dürfen, wo es ihm gefällt ohne Rücksicht auf das Gemeinwesen, in das dann die Flüchtlinge sich ansässig machen wollen? «

http://pro-theol.blogspot.de/2017/10/kardinal-sarah-ein-in-ungnade.html

So wirken Thesen von Vordenkern, die sich nicht auf Menschenrechte als erster Wertorientierung des Menschen heute beziehen. Aus vor grausamen Kriegen flüchtenden Menschen wird – äußerst infam – eine „Masseneinwanderung“ „präziser von Wirtschaftsflüchtlingen“. In einem „katholisch“ inspirierten Blog voller Sympathien für Kurienkardinal Robert Sarah und klarer Verachtung für Papst Franziskus wird von Giftgaseinsätzen in Syrien nicht Kenntnis genommen, gänzlich unbekannt scheint dort zu sein, wie viele Mächte Syrien als militärisches Aufmarschgebiet nutzen (USA, Russland, Türkei, Iran, Saudi-Arabien usw.) und Menschen von dort aus einem Krieg vertrieben haben.

Die in diesem Text schon recht unverblümte Verachtung der Menschenrechte – „der Individulalismus, der sich auch in der Proklamation des Rechtes jedes Einzeln manifestiert, da wohnen und leben zu dürfen, wo es ihm gefällt ohne Rücksicht auf das Gemeinwesen“ – lässt sich politisch einfach nur verlängern und „ergänzen“ durch eine noch verlogenere Missachtung, schon sind wir wieder bei Marc Jongen, dem „Partei-Philosophen“ der AfD, der einfach noch dreistfrecher rechtspopulistisch formuliert und solche rechtskatholisch Eingestimmten nur noch mit den offenen Armen der AfD zu empfangen braucht.
So funktioniert sie ideologisch, die Vernetzung rechtskatholischer und rechtspopulistischer Kreise.

Im bereits zitierten „Zeit“-Interview hat er nämlich wie folgt „ergänzt“ und „vertieft“:

» Jongen: Im elementaren Interesse des Volkes liegt zum Beispiel der Bestand des Staates und dessen konstituierender Faktoren, etwa der deutschen Sprache. Wenn wir die derzeitige Asyl- und Einwanderungspolitik betrachten, so ist deren logische Folge der Verlust der deutschen Sprache und des deutschen Staates. Ein paar Jahrzehnte weitergedacht, führt die aktuelle Politik zu einem Zustand, in dem Deutschland nicht mehr wiederzuerkennen ist.

ZEIT: Auch wenn dann die Flüchtlinge längst integriert sind? Damit bliebe doch der Zustand des Staates erhalten.

Jongen: Dass all diese Menschen integriert werden können, ist die große Lebenslüge der Regierenden. Die Mentalität, die heute Grenzen de facto abschafft und das Land allen öffnet, ist dieselbe, die nach und nach auch die deutsche Sprache nicht mehr verteidigen wird, die am Ende zweite oder dritte Amtssprachen einführen wird, um Integrationshindernisse abzubauen. […]

ZEIT: Definiert sich das Volksinteresse vor allem durch Bedrohungen? Gibt es auch eine positive Bestimmung?

Jongen: Das Eigene wird vor allem in der Bedrohung durch das Fremde auffällig, woraus dann auch die politische Motivation erwächst, sich dafür einzusetzen. Die positive Vision ist fast banal: ein kulturell und wirtschaftlich florierendes Land, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebt und sich keine Sorgen um Fortbestand und Zukunft machen muss. «

http://www.zeit.de/2016/23/marc-jongen-afd-karlsruhe-philosophie-asylpolitik

Ein Christ, ein Katholik im Glauben und mit Gewissen, müsste sich doch sofort fragen: Wie konnte die christliche Religion mit einem Gott, einem Sohn Gottes (Jesus) für a l l e Menschen „eindringen“ in die „fremden Kulturkreise“ des damaligen Römischen (Welt-)Reiches, welche Botschaften enthielt sie denn für a l l e Menschen dieser „fremden Kulturkreise“? War etwa „das Eigene in der Bedrohung durch das Fremde auffällig“ (so Marc Jongen). Welche damalige Weltmacht in ihrer weitgehend schon zersetzten „Wertorientierung“ war mit der immer wieder genutzten Metaphorik von der „großen Hure Babylon“ gemeint? – Nein, primitive „Fremdenfeindlichkeit“, wie sie Marc Jongen zu einem Prinzip erheben will, ist weder mit der Tradition des Christentms noch der Philosophie nicht einmal im Ansatz vereinbar. Diese selbsternannten „Retter des Abendlandes“ verleugnen vollständig jede grundsätzliche geistige Tradition eben des „Abendlandes“!

In seiner kompromisslosen Verweigerung gegenüber der philosophischen Tradition, wie sie das Abendland tatsächlich beeinflusst hat (vgl. erster Abschnitt dieses Textes), wird Marc Jongens Absage an alle Traditionen – Philosophie wie Christentum – noch offensichtlicher. Da hat ein einst wohl aufstrebendes Talent, vorerst als Assistent eines unter den Verwertungsbedingungen der medialen Unterhaltungsindustrie postmodern sich stets neu erfindenden „Philosophen“ Peter Sloterejk, auf der Suche nach medial prima verwertbarem „Neuem“, tagesaktuell „Unbekannten“ sich zunächst gänzlich verirrt in „geistigen Gefilden abseits der Vernunft, in Ausnahmezuständen und Seinsordnungen, Freund-Feind-Schemata“, im Bezug auf „Denker [wie] Friedrich Nietzsche, Oswald Spengler, Martin Heidegger und einen Vordenker der ‚konservativen Revolution‘ wie Carl Schmitt“ (faz.net, Quelle siehe weiter unten). Er meint freilich die vollkommene Verabschiedung von der Tradition der Philosophie bis hin zu deren Einflüssen auf die Erklärung der Menschenrechte.

» ZEIT: Sie haben einmal gesagt, um die politische Trägheit der Deutschen zu überwinden, müsse man ihren „thymotischen“ Energielevel erhöhen, unter Verwendung eines griechischen Begriffes, der den Willen vor allem zu Zorn, Stolz und Selbstbehauptung bezeichnet. Aber gibt es nicht genug Zorn und Selbstbehauptung in diesem Land der aufgeregten und neidischen Nachbarn?

Jongen: Der „Thymos“ kennt viele Register, eher giftige wie Neid und Ressentiment und edlere wie Selbstbewusstsein und Stolz. Ich möchte gewiss nicht das Ressentiment fördern, sondern halte mich an Francis Fukuyama, der in seinem Buch über Das Ende der Geschichte zwischen der Megalothymia und der Isothymia, dem Willen zur tyrannischen Dominanz und dem Willen zur Anerkennung unter Gleichen, unterschieden hat. In einer liberalen, demokratischen Gesellschaft müssen wir natürlich auf Isothymia setzen, nach innen wie nach außen. Aber davon sehe ich in Deutschland leider nicht viel, man macht sich vielmehr zum Knecht von Einwanderern, um die man einen Willkommenskult zelebriert, obwohl sie ganz auf eigene Faust zu uns gekommen sind. Anerkennung unter Gleichen würde bedeuten, dass man sie aus freien Stücken eingeladen hätte.

ZEIT: In Hamburger Villenvororten herrschen eher robuste Formen thymotischer Energie gegenüber Flüchtlingen.

Jongen: Das sind nachvollziehbare Reaktionen auf eine arrogante Politik des Staates. Wenn die Regierung den Bürgern etwas von oben aufdrückt, dann kommen notwendigerweise rebellische Energien hoch. Aber wäre es denn wünschenswert, wenn es gar keine Abwehrreaktionen gäbe? Deutschland ist heute zutiefst gespalten. Wir laufen auf die gefährliche Situation zu, dass sich zwei Wirgefühle etablieren, die jeweils für sich beanspruchen, das Ganze des Volkes zu umfassen. Das eine entsteht um die Flüchtlingshilfe herum und bezieht daraus seinen Lebenssinn, das andere konstituiert sich gerade im Widerstand gegen die befürchtete Überfremdung. Eine verantwortungsvolle Staatsführung wäre daran zu erkennen, dass sie bemüht wäre, beide Identitäten zusammenzuführen oder zumindest für eine gemeinsame Sockelidentität zu sorgen. Nichts anderes meint die Rede von der Leitkultur.

ZEIT: Hätte die Regierung um des Wirgefühls willen auf die Flüchtlingspolitik verzichten sollen?

Jongen: Man hätte auf die Staatsräson Rücksicht nehmen müssen. Stattdessen hat eine Übernahme linksradikaler Positionen durch eine sich bürgerlich nennende Regierung stattgefunden. Das Niederreißen aller Grenzen ist ja eine klassische Forderung des Linksradikalismus.

ZEIT: Linksradikalismus war aber nicht das Motiv für die Öffnung der Grenzen gewesen, sondern die humanitäre Herausforderung – Caritas in der Tradition des christlichen Abendlandes.

Jongen: Sofern Linksradikalismus nicht ein verirrter Abkömmling des Christentums ist. Man könnte auch darüber streiten, ob Caritas die Grundlage verantwortungsvoller Politik sein kann. Punktuell sicher ja, aber dann hätte sie flankiert werden müssen von klaren Ansagen zur Einmaligkeit der Aktion – und von sofortiger Grenzsicherung. Stattdessen hat Frau Merkel fatale Einladungssignale an alle Mühseligen und Beladenen dieser Welt ausgesandt. «

» ZEIT: Dann müssen wir jetzt dringend darüber sprechen, wie Sie Identität definieren. Ist das eine kulturelle, eine staatsbürgerliche oder ethnische Kategorie?

Jongen: Darauf möchte ich eine konservative Antwort geben, wenn denn konservativ bedeutet, sich immer nahe an der Empirie zu bewegen, auf die konkreten Traditionen zu achten und gegenüber abstrakten Konstruktionen skeptisch zu sein. Natürlich hat es zwischen den Völkern und Nationen immer Austausch gegeben, natürlich konnte ein Fremder immer Deutscher werden, davon zeugen die vielen eingebürgerten Namen von Klonovsky bis Kubitschek. Diese Menschen sind nicht weniger deutsch als andere, oft im Gegenteil. Das kann aber zugleich nicht heißen, dass man innerhalb kurzer Zeit das gesamte Volk durch Afrikaner und Araber ersetzen könnte ohne eine völlige Änderung seines Charakters. Die Identität eines Volkes ist eine Mischung aus Herkunft, aus Kultur und aus rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Pass alleine macht noch keinen Deutschen. Als AfD sind wir deshalb dafür, das sogenannte Abstammungsprinzip im Staatsbürgerschaftsrecht, das ja bis vor Kurzem noch gegolten hat, wieder einzuführen, um nicht eine zu rasche Einbürgerung von Menschen zuzulassen, die kaum der Sprache mächtig sind und keinen inneren Bezug zu diesem Land haben. Man muss bei aller Zuwanderung sehr darauf achten, dass die Assimilation, die Verähnlichung, gewährleistet bleibt.«

http://www.zeit.de/2016/23/marc-jongen-afd-karlsruhe-philosophie-asylpolitik

Bis in die Wortwahl hinein findet sich hier eine zynische Verächtlichmachung jeglicher christlicher wie philosophischer Tradition des Abendlandes. „Einladungssignale an alle Mühseligen und Beladenen dieser Welt“ hat bekanntlich Jesus Christus in seiner Bergpredigt gepredigt, ja: bei entschiedener Hervorhebung des transzendenten Wesens jeden Menschen, doch sicher nicht im Widerspruch zu daraus folgenden Wertorientierungen im irdischen Dasein des Menschen! Jongens Zynismus bedarf kaum einer weiteren Kommentierung. Während z.B. „Mäßigung“ eine tradionelle Kardinaltugend ist (vgl. erster Abschnitt des Textes), predigt Marc Jongen Verständnis für Gewalt!

Seine besondere „Philosophie“ hat Marc Jongen schon im Jan. 2016 in einem Interview mit FAZ-Redakteuren auf seinen Menschenrechte verachtenden Punkt gebracht:

»  Jongen hat nichts gegen die Rauheit der AfD-Anhänger gerade im Osten Deutschlands, im Gegenteil. Er würde sich wünschen, dass es insgesamt rauher, aufgepeitschter zuginge. Denn die Bundesrepublik, da ist Jongen sicher, leidet an einer „thymotischen Unterversorgung“, einer Armut an Zorn und Wut. Thymos ist ein altgriechisches Wort, das in seiner Bedeutung zwischen Mut, Zorn und Empörung schwankt. Der Begriff spielt in Jongens Ausführungen über die Philosophie der AfD eine zentrale Rolle. Er nennt den Thymos eine der drei „Seelenfakultäten“ neben Logos und Eros, der Vernunft und der Lust.

In Europa, wo vor allem die Vernunft in Politik und Philosophie Ansehen genießt, sei der Thymos zu Unrecht in Verruf geraten, meint Jongen. Weil es Deutschland an Zorn und Wut fehle, mangele es unserer Kultur auch an Wehrhaftigkeit gegenüber anderen Kulturen und Ideologien, etwa dem Islamismus, der eine „hochgepushte thymotische Bewegung“ sei. Die AfD unterscheide sich durch ihren positiven Bezug zum Thymos von allen anderen politischen Parteien. Einzig die AfD lege „Wert darauf, die Thymos-Spannung in unserer Gesellschaft wieder zu heben“, sagt Jongen.

„Stolz und Wut sind in der AfD wichtige Emotionen“

Vom Logos-zentrierten System der sogenannten Altparteien wollen auch die AfD-Anhänger wegkommen, die sich Ende Oktober zu einem Marsch durch Magdeburg versammelten. 2000 Bürger, von denen etliche in schwarzen Bomberjacken erschienen waren, setzten dort in politische Praxis um, was Jongen im philosophischen Seminar vordenkt. Der Thymos des deutschen Volkes war dort zu hören. Zunächst recht milde mit „Merkel muss weg, Merkel muss weg!“-Sprechchören. Dann aus voller Kehle mit der Parole: „Lügenpresse, Lügenpresse!“ Auf einem Plakat hieß es: „Die Asylanten werden verwöhnt. Das Volk wird verpönt.“ Die Erregungskurve des angeblich kleingehaltenen deutschen Volkes, insofern es sich in Magdeburg versammelt hatte, zeigt steil nach oben. „Wie krank im Geschlecht und im Geiste, wie unnatürlich ist diese rot-grüne Gefolgschaft“, rief Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat André Poggenburg. Die Menge rief: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ […]

In Magdeburg stand auch Björn Höcke am Mikrofon, der thüringische Landesvorsitzende der AfD. „Ich stehe hier und atme Geschichte“, verkündete er und blickte auf zu den Türmen des Magdeburger Domes, wo Kaiser Otto der Große begraben liegt. Höcke beschwor den Geist des alten Herrschers im Sound historischer Unmittelbarkeit. „Otto – ich grüße dich!“ Denn Otto, erklärte Höcke, habe auf dem Lechfeld mit Kriegern „aus allen deutschen Stämmen“ die Eindringlinge aus dem Osten vernichtet. 1000 Jahre liege der alte Kaiser im Dom begraben, dozierte Höcke. Eine Zahl, mit der er sich stark beschäftigt. „Ich will, dass Magdeburg und Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben“, rief er. „Ich will, dass sie auch eine tausendjährige Zukunft haben! Und ich weiß: Ihr wollt es auch!“

„Ich bin kein Gegner von Höcke“

Jongen hält die oft geäußerte Empörung über Höcke für ein Missverständnis. „Es ist die Romantisierung, hinter der man den Übermut vermutet, denn diese Sprache erinnert an übermütige Zeiten“, sagt Jongen. […]

Was aber, wenn eine Steigerung des Thymos die Grundordnung der Gesellschaft bedroht? „Damit ist eine Gefahr angesprochen, das leugne ich überhaupt nicht“, sagt Jongen. „Diese Gefahr muss man aber auf sich nehmen, wenn man der existentiellen Großgefahr eines Verschwindens der deutschen Kultur begegnen will. Dann muss man mit diesen Dingen umgehen und leben.“ Die Deutschen sollen also ihre Kultur dadurch verteidigen, dass sie ihre eigentlich sehr deutsche Mäßigung aufgeben. Um sich gegen die laut Jongen „thymotisierten“ Islamisten zur Wehr zu setzen, müssten sie ihnen ähnlicher werden.«

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/marc-jongen-ist-afd-politiker-und-philosoph-14005731.html

Bis in die verstiegene Wortwahl hinein lassen sich hier Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ herauslesen, dessen expressionistische Begeisterung für die Schlachten deutscher Soldaten im 1. Weltkrieg, die bekannte „intellektuelle Begleitmusik“ für das Ende des hoch-militarisierten Deutschland im verlorenen nationalistisch geführten Krieg.
Noch mehr erinnern diese vermeintlich fein ziselierten Sätze eines „Partei-Philosophen“ und „Vordenkers“ an die abartigen Spielarten intellektueller Kreise Deutschlands kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, wie sie Thomas Mann in seinem antifaschistischen Schlüsselroman „Doktor Faustus“ feinfühlig nacherzählt hat.

https://de.wikipedia.org/wiki/Doktor_Faustus

Wenn ein Höcke in Magdeburg die „tausendjährige Zukunft“ Deutschlands beschwört hat, assoziieren wir selbstverständlich die intendierte (trauernde) Erinnerung an das letzte „tausendjährige Reich“ deutscher Geschichte mit und verstehen die zutiefst böse Abartigkeit des „Partei-Philosophen“ Marc Jongen, der in Höcke „keinen Gegner“ zu erkennen vermag. (Zu Höcke vgl. unser Glossarium)

Homosexualität und Gendertheorie als „Brandzeichen des Teufels“ – zurück zur patriarchalischen Männlichkeit in volksdeutscher Größe

Kurienkardinal Robert Sarah hat in seinem am 25 April 2017 kath.net – genauer Opus Die-Interviewer Jürgen Liminski – gewährten Interview schließlich doch nicht versäumt, auszuführen welche „Brandzeichen des Teufels“ ich weitaus mehr in Sorge versetzen als die vielleicht doch vorübergehende Erscheinung des IS-Terrorismus:

»Die Kirche Afrikas ihrerseits kann der weltweiten Christenheit in aller Bescheidenheit die Wunder zeigen, die Gott durch den Heiligen Geist in ihr gewirkt hat, aber auch die Qualen, die Jesus auch heute noch inmitten des Leids und der Armut seiner Gläubigen erduldet.

Kirche in Not: Worin bestehen diese Qualen?

Kardinal Sarah: Sie sind so vielfältig: Kriege, Hunger, der verheerende Mangel an Bildungs- und Gesundheitsstrukturen. Und dann wäre da noch der verderbliche Einfluss westlicher Ideologien: der Kommunismus, die Gender-Ideologie. «

http://www.kath.net/news/59341

Neu sind diese falschen Offenbarungen des Kurienkardinals nicht:

»In einem Redebeitrag zur Bischofssynode im Oktober 2015 beklagte Kardinal Sarah heutige westliche Anschauungen über Homosexualität und Abtreibung sowie den islamistischen Fanatismus und verglich sie mit dem Nazi-Faschismus und dem Kommunismus des 20. Jahrhunderts.[6] Sarah galt auf der Synode als einer der Wortführer des konservativen Flügels und trat als Sprecher der afrikanischen Bischöfe auf. Er lehnte die Zulassung nach bürgerlicher Scheidung standesamtlich wiederverheirateter Katholiken zur Kommunion sowie die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ab und plädierte für eine eindeutige Verurteilung der Gender-Theorie. «

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Robert_Sarah

Schon im Oktober 2015 galt Kardinal Robert Sarah als „Anführer“ der „Konservativen“ zum Thema Familie:

» Am Sonntag beginnt die Bischofssynode zum Thema Familie. Es geht nicht nur um die Ehe, es geht ums Ganze. Kardinal Robert Sarah aus Guinea hat sich an die Spitze der Konservativen gesetzt. Den europäischen Reformern wirft er „Neokolonialismus“ vor. Was treibt ihn an?

Von Julius Müller-Meiningen (3. Oktober 2015, 19:56 Uhr, erschienen in Christ & Welt)

» Dieser gebildete Mann kämpft gegen Widerstände aller Art. Zum Beispiel gegen aus seiner Sicht völlig abwegige Ideen. Die Debatte, wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen, gehört dazu oder der Streit um den Umgang mit Homosexuellen.

Für Sarah sind diese Sorgen angesichts in der ganzen Welt verfolgter Christen nicht nur vernachlässigenswert, sondern Ausdruck eines fehlgeleiteten Glaubens. In seinem jüngst auch auf Deutsch erschienenen Interview-Band Gott oder Nichts (Fe-Medienverlag) bezeichnet er diese heiß diskutierten Fragen als „eine Obsession gewisser abendländischer Kirchen“, als „Häresie“ und „gefährliche Schizophrenie“.

[…] Es ist verlockend, in Sarah einen Gegenspieler zu Papst Franziskus zu erkennen, dem Papst, der ganz offensichtlich den Charakter der Kirche verändern will. In ihrer Zivilisationskritik, der Anklage gegen die Ausbeutung der Armen, der Rückkehr zur Radikalität des Glaubens und der Verachtung einer sogenannten Gender-Ideologie sind sich die beiden aber durchaus einig. Auch vom Teufel sprechen sie beide. Während der mild erscheinende Pastor Franziskus aber den moralischen Zeigefinger für immer in der Asservatenkammer verstauen will, hält ihn der kompromisslose Missionar Sarah für so notwendig wie nie zuvor. Auch deshalb ist der Kurienkardinal aus Guinea Hoffnungsträger der konservativen Bischöfe bei der Synode.  

[…] Für die selbst ernannten Bewahrer der Doktrin ist das eine gute Nachricht. Schließlich ist ihr bisheriger Paladin, der US-amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke, diesmal nicht mit von der Partie. Franziskus hat seinen lautstärksten Kritiker abserviert, der sich mit anderen Verteidigern der Lehre aber vor der Synode bei einer Konferenz in Rom Gehör verschaffen will. Auch Sarah tritt kurz vor dem Bischofstreffen auf einem Kongress auf, der „Kardinäle sowie Männer und Frauen mit homosexuellen Tendenzen vereint“, wie die Veranstalter werben. Mit einer Vereinigung ist allerdings vor allem insofern zu rechnen, als Sarah dort seine in Gott oder Nichts ausgeführten Aversionen gegen jede Art von Willkommenskultur gegenüber Homosexuellen in der Kirche wiederholen dürfte. Im Buch prangert er die „Propaganda“ der „LGBT-Lobbys“ an und erkennt in diesem Zusammenhang gar die „Brandzeichen des Teufels“. «

http://www.zeit.de/2015/40/kardinal-robert-sarah-guinea-konservative

Im „Kampf gegen westliche Ideologien des 21. Jahrhunderts“ wird ein Primat der traditionellen Familie angestrebt, im Mittelpunkt dieser Familie wird der „biologisch“ so geprägte Mann stehen.

»  Robert Sarah nannte die Unterscheidung zwischen sozialer Geschlechterrolle und biologischem Geschlecht eine «Ideologie». Das sozialwissenschaftliche Konzept des Gender als sozialen oder psychologischen Geschlechts unterhöhle den Stellenwert der Ehe zwischen Mann und Frau. Die sexuelle Identität fuße demnach allein auf der sexuellen Orientierung.[3] Heutiger Kolonialismus in Afrika sei die Geburtenkontrolle und Gender.[4]

Robert Sarah hat gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als «Rückschritt der Kultur und der Zivilisation» bezeichnet. Solche Paare seien «nicht nur ein Problem für die Kirche, sondern für die Menschheit».[5] In einer Rede bei der Welt-Bischofssynode im Oktober 2015 verglich Robert Sarah als Sprecher der afrikanischen Bischöfe Homosexualität und Abtreibung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und der Terrororganisation „Islamischer Staat“: „Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren, das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus“. «

http://www.kathpedia.com/index.php?title=Robert_Sarah

Zum rechtskatholischen Kampf gegen die „Gender-Theorie“ lesen Sie bitte unsere früheren Artikel, z.B.

https://confessiones.online/2017/09/28/der-neue-anti-feminismus-ist-eine-politische-ideologie-moderner-frauen-gegen-die-freiheit-seine-pseudo-wissenschaftliche-grundlage-ist-eine-rechtspopulistische-suendenbock-theorie/

Das Primat der traditionellen Familie – zurück zur chauvinistischen Männlichkeit

Anlässlich der katholischen Bischofssynode über Ehe und Familie wusste Tagesanzeiger-Korrespondent Oliver Meiler am 23.10.2015 aus der Vatikanstadt „vom großen Ringen der Kardinäle“ zu berichten:

» Seine Radikalität lässt aufhorchen: Robert Sarah.

Zu Übertreibungen neigt Kardinal Robert Sarah, 70 Jahre alt, aus Guinea. Auch er sitzt in der Kurie. Sarah leitet da die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Berufen dazu wurde er, eher überraschend, von Franziskus. Besonders virulent äussert sich Sarah über das Abendmahl für wiederverheiratete Geschiedene, eines der zentralen Themen der Synode: Die Idee allein sei «des Teufels». In seinem Interviewbuch «Dieu ou Rien» (Gott oder nichts), das in diesem Jahr herauskam, sagt Sarah, die Seelsorge laufe Gefahr, in einer «gefährlichen, schizophrenen Pathologie» zu versinken. Die Radikalität liess aufhorchen und machte Sarah erst bekannt.«

Die Rückkehr zur traditionellen Familie, fokussiert auf die „Erziehung zur Männlichkeit“ (sicher: in patriarchalischer Ordnung) zählt selbstverständlich zur Wertorientierung eines AfD-„Partei-Philosophen“. Erneut zeigt sich im Vergleich der von Rechtskatholiken erwünschten „Klarstellungen“ und der Positionen Jongens, wie der AfD-„Partei-Philosoph“ nur deutlicher und weniger vage hetzt.

Jongen fordert „Erziehung zur Männlichkeit“

Hilfe von seinem akademischen Lehrer, aus dem „AfD-Ideen-Müll“ eine „Philosophie der AfD“ zu formen, braucht Jongen also nicht zu erwarten. Die Methode, um dennoch an sein Ziel zu gelangen, nennt Jongen „Avantgarde-Konservativismus“. Damit sei mehr gemeint als „Laptop und Lederhose“. „Das geht schon wesentlich tiefer.“ Ziel sei eine „neodarwinistische Kulturtheorie“, die nicht auf eine Abschaffung von Traditionen, sondern auf deren Beibehaltung hinwirkt. Sie bediene sich dabei allerdings der „avanciertesten Denktechniken“, um dann mit ihnen „gegen die Moderne zu denken“. Die traditionellen Geschlechterrollen zum Beispiel will Jongen so gegen die Anfechtungen des Konstruktivismus abschirmen. Er erkennt zwar an, dass die Geschlechterrollen bis zu einem gewissen Grad tatsächlich kulturell konstruiert sind, wie von der Gender-Theorie behauptet wird.

Für Jongen folgt daraus im Praktischen aber nicht, für Transgender eigene Toiletten einzurichten oder in der Schule über sexuelle Identitäten zu sprechen. Im Gegenteil. Jongen will – gerade weil der Konstruktivismus nicht nur Unrecht hat – die Geschlechterrollen stärker festschreiben, um sie vor der Bedrohung durch die Gender-Theorie zu schützen. Statt „Gender Mainstreaming“ fordert Jongen deshalb „Erziehung zur Männlichkeit“. Dieses Denken bezieht er nicht nur auf Geschlechterfragen. Der gesamte „kulturell-religiöse Überbau“ der Gesellschaft soll auf diese Weise geschützt werden. Die AfD soll die weitere Dekonstruktion von Familie, Volk und Kirche verhindern. Man müsse „pfleglich umgehen mit den notwendigen Illusionen“. «

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/marc-jongen-ist-afd-politiker-und-philosoph-14005731.html

In diesem tief in die Geschichte zurückblickenden Sinne zitieren wir abschließend Marc Jongen im eigenen Wortlaut (am 22. Januar 2014 im Cicero):

»Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der AfD. Alle Mächte der Bundesrepublik haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, die Kanzlerin und der Bundespräsident, Bischof Zollitsch und Claudia Roth, die Antifa und die Mainstream-Medien. […]

Zum bedrohten geistigen Bestand unseres geschundenen Kontinents zählt nicht zuletzt die bürgerliche Liberalität selbst. In ihrem Namen versuchen dreiste Ideologen in der Presse und in den Ministerien, das freie Denken und das freie Leben politisch korrekt auf Linie zu bringen. Wo „Gleichstellung“ steht, ist „Gleichschaltung“ nicht weit – die Gleichberechtigung hat das Nachsehen.«

https://www.cicero.de/innenpolitik/afd-ein-manifest-fuer-eine-alternative-fuer-europa/56894

 

[1) Vgl. Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität, Hamburg 1977, S. 202 und S. 236 ff.; erstveröffentlicht Stuttgart 1973]

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: