Kampagne gegen Papst Franziskus zieht weitere Kreise. Deutsche Journalisten im Kulturkampf verhöhnen den Papst oder fordern seine Absetzung.

Das „Vater unser“ ist das bedeutendste Gebet des Christentums, weil Jesus Christus selbst es seine Jünger als Teil der Bergpredigt gelehrt hat (nach den Evangelien des Matthäus und Lukas im Neuen Testament). Von Christen aller Konfessionen wird es in aller Regel auch im Gottesdienst gebetet. Dazu verwenden sie die längere Version mit insgesamt sieben Bitten, die im Matthäusevangelium enthalten ist.

Die Bergpredigt ist ein Textabschnitt des Matthäusevangeliums (Mt 5-7) im Neuen Testament, Jesus von Nazareth hat hier den ihm gefolgten Jüngern den in der Tora offenbarten Willen Gottes neu ausgelegt. Als jüdische Tora-Auslegung hat diese Predigt sowohl das Christentum als auch nichtchristliche Denker und andere Religionen beeinflusst, wesentliche christliche Werte sind hier konzentriert aufgezeichnet worden.

Jesus von Nazareth hat in aramäischer Sprache gepredigt, der damaligen Umgangssprache in Galiläa; die Sprache in Tempeln und Synagogen war das Hebräische. Die 27 Schriften des Neuen Testamentes, darunter die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, sind in griechischer Sprache verfasst worden und in diesen Texten finden sich auch Einflüsse der griechischen Philosophie (u.a. der Dialektik). [Im Standardwerk des katholischen Kirchenhistorikers Ernst Dassmann „Kirchengeschichte I, Ausbreitung und Lehre der Kirche in den ersten drei Jahrhunderten“ sind wiederholt Verweise auf Einflüsse des Hellenismus enthalten. Stuttgart 1991, 3. Auflage 2012, u.a. S. 66 f.]

Die theologische Diskussion der sprachlichen Ursprünge, wie Jesus von Nazareth in welchem Wortsinn gepredigt haben könnte, beschäftigt die Konfessionen schon lange. Nun hat Papst Franziskus mit Bezug auf diese theologische Diskussion im Dezember 2017 eine veränderte deutschsprachige Übersetzung des „Vater unser“ angeregt, nachdem bereits die Bischöfe Frankreichs eine Neufassung des „Vater unser“ beschlossen und eingeleitet hatten. Im Kern geht es um ein anderes Verständnis der Formulierung „und führe uns nicht in Versuchung“. In einem Interview des italienischen Senders „TV2000“ hat Franziskus betont, dass im christlichen Glaubensverständnis nicht Gott als Vater die Menschen zur Sünde versuche, sondern der abgefallene Engel Satan. Anstelle des „führe uns nicht in Versuchung“ hat Franziskus deshalb vorgeschlagen, im deutschsprachigen „Vater unser“ künftig „führe uns aus der Versuchung“ zu beten. Die Deutsche Bischofskonferenz wollte offiziell noch keine Stellungnahme abgeben.

Soweit die theologische Diskussion, die innerhalb der christlichen Konfessionen mit Bedacht und in aller Ruhe geführt werden könnte. (Vertiefende Verweise finden Sie im zweiten Teil dieses Art. unten.)

Andere Beiträge zur theologischen Diskussion u.a. hier:

https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/vaterunser–papst-franziskus-kritisiert-die-deutsche-uebersetzung-7779584.html

http://www.glaukos-verlag.de/media/HessenschauLT.pdf

https://schulen.drs.de/fileadmin/HAIX/sda/sda-ghrs-spaichingen/Vater_Unser_aramaeisch.pdf

Eine evangelische Position:

https://www.evangelisch.de/inhalte/147361/08-12-2017/papst-franziskus-vaterunser-uebersetzung-versuchung

Für einige deutsche Journalisten war diese theologische Diskussion willkommener Vorwand, den Rücktritt des Papstes zu fordern (Theologe und Publizist Alexander Görlach in welt.de), Papst Franziskus mit US-Präsident Trump zu vergleichen (SPIEGEL-Autor und -Kolumnist Jan Fleischauer) oder zur rechtskatholischen Generalabrechnung mit dem Papst auszuholen (Ex-SPIEGEL-, Ex-Welt-Redakteur Matthias Matussek in der weltwoche.ch).

Gemeinsam ist allen Veröffentlichungen in einflussreichen deutschen Medien der politisch motivierte Kampf gegen einen Papst, der sich für eine Öffnung der Katholischen Kirche einsetzt, der wiederholt vor Gefährdungen des Rechtspopulismus in Europa gewarnt hat und der sich als fast schon letzte einflussreiche Stimme immer noch für eine Willkommenkultur in Europa einsetzt und eben nicht einfach primitiv islamophobisch auf durchaus vorhandene Problemstellungen in der Begegnung von Kulturen und Weltreligionen reagiert.

Wir nennen es Kulturkampf, wenn Jan Fleischauer und Matthias Matussek diesen Papst öffentlich nur lächerlich machen wollen, bar jeder Weisheit und ohne jedes tiefere Verständnis für theologische Glaubensfragen Pamphlete zur Verbreitung rechtspopulistischen Gedankenguts veröffentlichen lassen, die den geistigen Boden erst richtig freisetzen in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft, sich „identitären“ Vorstellungen aus dem rechten Lager zu öffnen. Diese Journalisten tragen persönlich eine enorme Mitverantwortung für die gesellschaftliche Verschiebung nach rechts.

Verfolgen Sie die deutschsprachige Berichterstattung zur Kritik des Papstes ggf. im Wortlaut nach:

http://www.bild.de/politik/ausland/papst-franziskus/papst-kritisiert-unser-vaterunser-54109666.bild.html

 

Welt-Publizist Görlach fordert Absetzung des Papstes

Der promovierte Theologe und Publizist Alexander Görlach hat die Absetzung von Papst Franziskus gefordert. „Der Papst ist den Herausforderungen seines Amtes nicht gewachsen. Es bleibt nichts anderes, als ihn abzusetzen“, so Görlach zu BamS.

Hintergrund: Franziskus hatte gefordert, das Vaterunser anders zu beten, als es die biblische Überlieferung vorschreibt. Anstelle von „führe uns nicht in Versuchung“ schlug er „führe uns aus der Versuchung“ vor.

„Dieses Mal hat der Papst eine Linie überschritten“, so Görlach, der Gastprofessor in Havard ist. Es seien keine antiken Schriftrollen aufgetaucht, die diese Änderung rechtfertigten. Nur dass der Papst meine, „Gott macht das nicht“, sei kein Grund.

Görlach: „Franziskus ist ein Populist, einer der guten Sorte: Anders als die bösen Populisten will er die Menschen nicht trennen, sondern zusammenführen. Aber alle Populisten sind Vereinfacher. Das wird Franziskus nun zum Verhängnis, denn niemand kann sich, auch nicht der

Heilige Vater, einen einfachen Gott zurechtbasteln, wie er ihm gerade passt.“ (Quelle: bild.de, s.u.)

http://www.bild.de/politik/ausland/papst-franziskus/theologe-fordert-amtsenthebung-54215088.bild.html

Die Bild erwähnte natürlich nicht, dass Alexander Görlach selbst Welt-Autor ist, d.h. seit langem keine unabhängige Stimme ist, sondern für seine Beiträge vom selben Medienkonzern bezahlt wird, der sowohl Bild als auch die Welt publiziert. Die Welt hatte berichtet:

https://www.welt.de/kultur/article171391831/Nach-Kritik-des-Papstes-Wird-das-Vaterunser-geaendert.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_G%C3%B6rlach

 

SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischauer vergleicht den Papst mit US-Präsident Trump

Der Papst hat den Christen in der Welt vorgeschlagen, das Vaterunser nicht mehr in seiner alten Form zu beten. Es gibt einen Satz, der ihn stört. Gegen Ende heißt es: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Der Papst findet es unangemessen, Gott zu unterstellen, dass er die Menschen in Versuchung führe. So wie Franziskus es sieht, ist das nicht vereinbar mit dem Bild von Gott als einer liebenden Vaterfigur. „Ein Vater tut so etwas nicht: Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen“, hat er in einem Interview gesagt. […]

Seit Jahrhunderten plagen sich Theologen mit der Frage nach dem Bösen. Es ist eine verzwickte Debatte. Hat der Satan seinen Platz in der Welt, weil Gott das so wollte, oder ist er eine von Gott unabhängige Instanz? Wenn er aber schon da war, bevor Gott mit seinem Schöpfungswerk begann, kann man dann sagen, dass Gott der Allmächtige ist? Es gibt in der Bibel zahllose Stellen, in denen Gott den Menschen die schlimmsten Prüfungen auferlegt. […]

Was die Geringschätzung von Traditionen angeht, gleicht Franziskus seinem Zeitgenossen Donald Trump. Es gibt zwischen beiden überhaupt einige Parallelen. Da ist die Neigung zu unbedachten Sätzen; die demonstrative Verachtung für das Dekorum der Institution, der sie vorstehen; die Selbstinszenierung als Outsider, der gegen das verhasste Establishment ankämpft; die Anbiederung an die Massen. Schwer zu sagen, wer von beiden auf lange Sicht den größeren Schaden anrichtet. Die amerikanische Demokratie ist 250 Jahre alt, die Kirche 2000 Jahre. Altersmäßig liegt Franziskus schon mal vorn. Außerdem: Ohne den Schutz der US-Atomwaffen kommen wir zur Not aus. Aber ohne verlässliches Geleit auf dem letzten Gang?

Quelle: „Erlöse uns von dem Bösen!“ Kolumne von Jan Fleischauer in:
Der SPIEGEL, Ausgabe 52/17 vom 23.12.2017, S. 10

 

Ex-SPIEGEL, Ex-Welt-Redakteur Matthias Matusseks Generalabrechnung mit Papst Franziskus

Matthias Matussek und Jan Fleischauer verbindet schon seit Jahren ein stets nach rechts gewandter Geist mit ausgeprägtem journalistischen Talent, der zwar oberflächlich oft polemisch zu sprühen vermag, von tieferer innerer Weisheit (bis hin zur christlichen Demut) jedoch gerade nicht erfüllt ist. Wenn andere sich um ein wirkliches Verständnis von Fragestellungen aus dem Glauben oder gesellschaftlicher Prozesse bemühen, können bzw. konnten sie sich medial zwar gekonnt vermarkten als Konvertiten von links nach rechts, im inneren Wesen scheint bei ihnen jedoch eher tendenziell geistige Leere vorzuherrschen.

Matusseks im Jahr 2011 veröffentlichtes Buch Das katholische Abenteuer. Eine Provokation. (Deutsche Verlagsanstalt, München 2011) kommentierte der römisch-katholische Theologie-Professor Rainer Kampling 2011 im Deutschlandradio Kultur sehr treffend:

„Matussek denkt und schreibt in einem theologischen Vakuum, das er als seinen Kinderglauben ausgibt – selbstverliebt, arrogant und glaubensignorant. Über den Katholizismus, seine theologische Tiefe, seinen Reichtum an intellektueller Leistung, über seine strenge Schule des Denkens und Glaubens oder die Kirchengeschichte erfährt man auf den 358 Seiten des Buches erschreckend wenig (…) Dieses Buch ist peinlich – in der Wortwahl, im Stolz des Autors auf seine theologische Unbildung, in seiner Schludrigkeit. Und peinlich ist die Vorstellung, jemand könne glauben, das sei nun katholisch.(…)“  (Quelle: s.u.)

http://www.deutschlandfunkkultur.de/der-neue-leidenschaftliche-katholik.1270.de.html?dram:article_id=191572

Der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf befand zum gleichen Buch im FAZ-Feuilleton, dass Matussek auf „aggressive Polemik, kalkulierte Beleidigung, radikale Subjektivität und professionellen Amoklauf“ setze.

„Intellektuelle Tugenden wie Nachdenklichkeit, Arbeit am Begriff, Unterscheidungsfähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkritik liegen Matussek fern.“ (Quelle: FAZ vom 5. Juli 2011)

(Quelle: wikipedia, s.u.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Matussek

Eben dieser Matussek musste im Februar 2014 nach 26 Jahren beim Spiegel zu Springers Welt wechseln, wo er ebenfalls schon 2015 seine Tätigkeit beenden musste. Seitdem outet er sich in atemberaubendem Tempo als sich stets steigernder Rechtsaußen:

Anfang 2017 geriet Matussek in die Medien, als er sich an einer ihm telefonisch durch das Satiremagazin Titanic angebotenen Position bei der rechtspopulistischen Nachrichten- und Meinungswebsite Breitbart News Network interessiert zeigte. […]

2017 äußerte Matussek, die „lustigen Aktionen“ der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremistischen Identitären Bewegung seien „einfach so geil“. (Quelle: wikipedia, s.o.)

2014 deutete sich diese Entwicklung bereits an:

Freund und Feind sind klare Kategorien für Matthias Matussek. Der frühere Kulturchef des Spiegel, der zuletzt noch Autor war und auch dies dann nicht mehr sein durfte, hadert im Interview mit The European mit seinem Ex-Arbeitgeber und einigen Ex-Kollegen.

Gnade finden bei Matussek Spiegel-Autor Jan Fleischhauer (“…die Fleischhauer-Kolumnen, das Brillanteste, was die konservative Publizistik in Deutschland zu bieten hat.”), Alexander Smoltzcyk, Alexander Osang und Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust. […]

Matusseks neue Redaktion bei Springers Welt sei jedenfalls “sehr liberal”. Er habe sie mit einem erzkatholischen Text “auf die Probe gestellt”. Denn, so Matussek, “das war beim Spiegel nicht mehr geduldet, war nicht politisch korrekt genug. […]“

http://meedia.de/2014/02/03/niete-grossmaul-verraeter-so-beschimpft-matussek-ex-spiegel-kollegen/

Geholfen hat es nicht, schon im nächsten Jahr musste er die Welt als Redakteur wieder verlassen.

Jetzt, zur Jahreswende 2017/18, hält es Matussek endlich für opportun, in der weltwoche.ch zum Generalangriff auf Papst Franziskus zu blasen:

Beliebig, gefällig, anbiedernd: An einen Pontifex maximus erinnert der ­Zeitgeistpapst Franziskus immer weniger. Inzwischen fragt er sich sogar selber, ob er der Grund 
für eine Spaltung der Kirche sein könnte.

Von Matthias Matussek

Mit der ihm eigenen erfrischenden Direktheit fragte das britische Wochenblatt Spectator kürzlich auf seiner Titelseite «Has the ­Pope Gone Crazy?» Ist der Papst verrückt ­geworden? […]

Insider berichten, dass Bergoglio, so der bürgerliche Name des derzeitigen Nachfolgers ­Petri, anders als Papst Benedikt nur noch von wenigen «Heiliger Vater» genannt wird, und wenn, dann in ironischem Zusammenhang. Etwa: «Wie der Heilige Vater in seiner immensen Weisheit erklärt hat, fressen die Leute ­gerne Scheisse.» […]

Mit seinen Feinden macht der Papst kurzen Prozess. Den konservativen Kardinal Raymond Leo Burke, der als Freund des Trump-Beraters und Katholiken Stephen Bannon gilt, enthob er seiner Ämter als Kurienkardinal und Präfekt der Apostolischen Signatur. Kürzlich wurde Burke, auch nicht mehr der Jüngste, vom Papst auf die amerikanische Pazifikinsel Guam geschickt, um «einen äusserst komplizierten Missbrauchsfall aufzuklären, der grossen Sachverstand erfordert». […]

Ohnehin hat es die Kurie nicht leicht unter diesem Sponti-Hirten, der die Formlosigkeit liebt und die vatikanischen Würdenträger gründlich zu verachten scheint. […]

Tatsächlich ziert er gerade zum zweiten Mal das Cover des Rolling Stone, eines Periodikums, das nicht dafür bekannt ist, besonders oft den Katechismus zu zitieren. Bergoglio schrieb sich ins Herz dieses linksliberalen, doch gleichwohl erzkapitalistischen Presseunternehmens der milliardenschweren Musikindustrie mit dem Satz: «Der Kapitalismus tötet.» […]

Der allmächtige Oberhirte lässt seine Allmacht gerne deutlich werden. Dem Personenkult ist er nicht abgeneigt. Er versteht sich offenbar als Papst einer bestimmten politischen Richtung. Er ist der Darling aller, die der Kirche normalerweise fernstehen. Die New York Times rief ihn, nachdem er Präsident Donald Trump das Christsein abgesprochen hatte, bereits zum «Anti-Trump» aus. Beide, Präsident wie Papst, so das Blatt, seien auf ihre Art Populisten. Allerdings ist Trump die böse und der Papst die gute Ausgabe. Das Wall Street Journal wurde noch deutlicher: Es kürte den Pontifex am Weihnachtstag 2016 zum «Führer der globalen Linken». […]

Sollte Papst Franziskus nicht eher in diese Richtung weiterdenken, über die Wahrheit der Form und der Dogmen, statt, wie kürzlich im Spiegel zu lesen war, in kleinem Kreise darüber zu sinnieren, dass er «womöglich als der Papst in die Geschichte eingehen wird, der die Kirche gespalten hat»? Das immerhin wäre im Reformationsjahr eine gewaltige historische Pointe. Möge ihm und der gesamten katholischen Kirche, der ersten globalen Institution der Geschichte (katholisch heisst nichts anderes als global), der Heilige Geist beistehen. […] (Quelle: weltwoche.ch, s.u.)

Lesen Sie sich den vollständigen Text bitte hier durch:

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2017-14/artikel/papst-allerlei-die-weltwoche-ausgabe-142017.html

 

Augustinus über „Gut“ und „Böse“ und Gottes Wesen

So schwer ist es nicht, den Vorschlag des Papstes zur Veränderung des „Vater unser“ zu verstehen. Im traditionellen philosophischen Streit zwischen Vorstellungen vom nur geltenden strengen Determinismus und der Vorstellung eines freien Willens des Menschen hat die christliche Kirche immer den Menschen als frei angesehen, sich zwischen „Gut“ und „Böse“ aus eigenem Willen für das Gute, Gott, zu entscheiden. Gott lässt zwar einen Satan als „das Böse“ stets den Menschen versuchen, kann aber als gütiger Vater stets gefunden werden, wenn er denn wirklich gesucht wird. Gnade lässt er ihm so zukommen.

Confessiones bezieht sich nicht ohne Grund auf das Hauptwerk des Augustinus (354 – 430). Als einer der einflussreichsten Theologen und Philosophen der christlichen Spätantike hat er das Denken des Abendlandes wesentlich geprägt. In der viel gelobten „Geschichte der abendländischen Philosophie“ des englischen Philosophiehistorikers Anthony Kenny, 1955 in Rom zum Priester geweiht, sind Ausgustinus‘ Auffassungen vom Bösen gut verständlich zusammengefasst:

„[…] Was ist dann die göttliche Substanz oder das göttliche Wesen? Augustinus greift einen Text aus dem zweiten Buch Mose (Exodus 3:14) auf: Gottes Mitteilung durch Moses: „Ich bin, der ich bin“, um die platonische Metaphysik mit der Lehre der Bibel in Einklang zu bringen. Gott ist derjenige, der ist, d.h.: Er ist das höchste Wesen, er ist im höchsten Sinne.

„Er gab den Dingen, die er aus nichts erschaffen hat, das Sein, jedoch nicht das Sein auf höchste Weise, wie er es selbst ist; und zwar gab er den einen mehr davon, den andern weniger und ordnete so stufenweise die Naturen der Wesen wie sich nämlich von weise sein das Wort Weisheit ableitet, so vom Zeitwort sein [esse] das Hauptwort Wesen [essentia].“ (DCD XII. 2)

Augustinus sagt uns, dass essentia ein neues lateinisches Wort ist, das erst vor Kurzem geprägt wurde, um dem griechischen Wort ousia zu entsprechen.

Gottes Wesen ist mit seinen Eigenschaften identisch, und eine seiner wichtigsten Eigenschaften ist sein Gutsein. Genauso wie Gott seinen Geschöpfen das Sein verleiht, so gibt er ihnen auch ihr Gutsein. Alles von ihm Geschaffene ist seiner Natur nach gut. Woher kommt dann das Böse? In seiner Jugend teilte Augustinus die Auffassung der Manichäer, der zufolge das Universum von zwei höchsten Prinzipien regiert wurde, von denen das eine gut und das andere böse war und die miteinander in Konflikt standen. Als Christ gab er den Glauben an ein böses Prinzip auf, doch dies bedeutete nicht, dass er nun glaubte, der gute Gott sei die Ursache des Bösen. Das Böse ist nur ein Mangel an Gutem, es ist keine positive Wirklichkeit und bedarf keines Prinzips seiner Verursachung. Alles Böse in den Geschöpfen ist einfach ein Verlust von etwas Gutem – von Unversehrtheit, Schönheit, Gesundheit oder Tugend (DCD XII. 3).

Gott erschafft nichts Böses, aber er erschafft einige gute Dinge, die besser sind als andere gute Dinge, und sie bleiben auch dann besser als andere Dinge, wenn sie mit Mängeln behaftet sind. Daher ist ein entlaufenes Pferd besser als ein an seinem Ort bleibender Stein, und ein Betrunkener besser als der gute Wein, den er trinkt (DLA 3. 2. 15). Es ist nichts Bedauerliches an der Tatsache, dass ein Geschöpf weniger gut ausgestattet ist als ein anderes: Die Vielfalt der geschöpflichen Gaben trägt zur Schönheit des Universums bei, und Gott ist niemandem irgendetwas schuldig (DLA 3. 15. 45).

Doch wie steht es um das Übel eines bösen Willens? Wie wir bei der Erörterung der Natur des Geistes gesehen haben, glaubt Augustinus, dass eine böse Wahlentscheidung des Menschen keine Ursache hat. Die Freiheit des Willens ist natürlich eine Gabe Gottes, und sie bringt die Möglichkeit mit sich, dass diese Freiheit missbraucht wird. Doch in keinem einzelnen Fall eines solchen Missbrauchs liegt irgendein Zwang oder eine Notwendigkeit vor. Zumindest traf dies auf die menschliche Natur zu, wie sie von Gott ursprünglich geschaffen wurde.

Vor dem Sündenfall war die menschliche Freiheit ungehindert wirksam: Das ist ein Grund dafür, warum die Sünde Adams so schwer wiegt. Doch als Adam der Sünde verfiel, brachte dies nicht nur die Anfälligkeit für Tod, Krankheit und Schmerz mit sich, sondern es führte außerdem zu einer massiven moralischen Schwächung. Wir Kinder Adams haben nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Sündhaftigkeit geerbt. Lasterhafte, durch die Erbsünde verdorbene Menschen haben nicht die Freiheit, ohne Hilfe gut zu leben: Jeder Versuchung, die uns begegnet, können wir vielleicht zunächst frei widerstehen, doch kann unser Widerstand nicht von Tag zu Tag verlängert werden. Wir sind auf Gottes Gnade nicht nur angewiesen, um den Himmel zu erwerben, sondern auch, um einem Leben in ständiger Sünde zu entkommen (DCG 7).

Die Gnade, die es einigen Menschen ermöglicht, die Sünde zu meiden, wird nicht deshalb einigen Menschen eher als anderen zuteil, weil sie es durch ihr tatsächliches oder vorausgesehenes Verhalten verdient hätten. Sie wird vielmehr einfach deshalb vergeben, weil es Gott in seinem unerforschlichen Ratschluss so gefällt. Niemand kann errettet werden, ohne dazu vorherbestimmt zu sein. Die Auswahl derer, die gerettet und damit auch derjenigen, die verdammt werden, wurde von Gott getroffen, lange bevor sie existierten oder irgendwelche guten oder bösen Taten begangen hatten. […]

Quelle: „Geschichte der abendländischen Philosophie“ von Anthony Kenny, Studienausgabe von 2016, Darmstadt, S. 445 ff. (Englische Originalausgabe: Erstausgabe Oxford University Press 2004)

Man vergleiche Augustinus‘ theologische Argumentation mit dem kaltschnäuzigen, oberflächlichen Journalismus eines Jan Fleischauer oder Matthias Matussek, die in ihrer auf bloße journalistische Effekte zielenden Hybris meinen, einen amtierenden Papst eben mal vermeintlich geistig erledigen zu können.

Gerade Goethe-Kenner Mattias Matussek sollte zudem wissen, wie in der literarischen Ausgestaltung der bedeutendsten deutschsprachigen Tragödie „Faust“ Gott sich sogar auf eine Wette mit Mephistoles einlässt, weil er weiß, dass er in seiner Güte dem die Wahrheit suchenden Gelehrten Faust letztlich zutrauen kann, trotz aller Verfehlungen und Sünden schließlich doch zu Gott zu finden.
Dieses Weltspiel mit dem Gelehrten Faust als Protagonisten hat durchaus den Charakter einer Theodizee. Die Vorstellung, Gegensatz, Widerstreit, Dualismus seien an sich negativ, wird in der Tragödie aufgehoben. „Das Mephistophelische ist nämlich kein wirklich widergöttliches Prinzip, Mephisto ist kein Gegen-, sondern ein Mitspieler des Herrn. Dass Mephisto nur ein dialektisches Moment des Negativen in einer im ganzen positiven und letzten Endes heilen Welt verkörpert, zeigen die Verhältnisse im Himmelsstaat: Mephisto ist kein eigentlicher Widersacher des Herrn, sondern dessen Untertan und Erfüllungsgehilfe.“
(Ralf Sudau: Faust 1 und 2, 1993/98, München, Düsseldorf und Stuttgart, S. 50)

 

Prolog im Himmel aus Goethes Faust I

Johann Wolfgang Goethe:
Auszug aus dem Prolog zu Faust I

DER HERR:
Hast du mir weiter nichts zu sagen?
Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

Mephistopheles:
Nein Herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.

DER HERR:
Kennst du den Faust?

Mephistopheles:
Den Doktor?

DER HERR:
Meinen Knecht!

Mephistopheles:
Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

DER HERR:
Wenn er mir auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
Das Blüt und Frucht die künft’gen Jahre zieren.

Mephistopheles:
Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren!
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen.

DER HERR:
Solang er auf der Erde lebt,
So lange sei dir’s nicht verboten,
Es irrt der Mensch so lang er strebt.

Mephistopheles:
Da dank ich Euch; denn mit den Toten
Hab ich mich niemals gern befangen.
Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
Für einem Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.

DER HERR:
Nun gut, es sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,

Und steh beschämt, wenn du bekennen mußt:
Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.

Mephistopheles:
Schon gut! nur dauert es nicht lange.
Mir ist für meine Wette gar nicht bange.
Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.
Staub soll er fressen, und mit Lust,
Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.

DER HERR:
Du darfst auch da nur frei erscheinen;
Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.
Von allen Geistern, die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gefallen zu,
Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken!

(Der Himmel schließt, die Erzengel verteilen sich.)

Mephistopheles (allein):
Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

 

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