Bekenntnisse und Selbstverständnis der Confessiones-Redaktion: Internationalismus und Weltbürgertum statt „identitär“ verklärter Fremdenfeindlichkeit! Dialog zwischen den Kulturen statt Rassismus und Hass!

Als wir im August 2017 die Online-Zeitschrift Confessiones aus der Taufe hoben und erste Beiträge veröffentlichten, waren sich die Gründer schon länger einig darin, dass sich in Deutschland und Österreich den demokratischen gesellschaftlichen Konsens gefährdende Vernetzungen von Rechtskatholiken und Rechtspopulisten abgezeichnet haben. Deren Erstarken und tiefes Hineinwirken in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft ist so überraschend nicht, die vernetzten Akteure haben über viele Jahre, z.T. Jahrzehnte, auf eine Rechtswende hingewirkt. Von einem weltweiten Trend hin zum Rechtspopulismus als vermeintlich Hoffnung stiftende Antwort auf den sich immer widersprüchlicher darstellenden globalisierten Turbokapitalismus ist diese Entwicklung in der Mitte Europas gar nicht zu trennen.

Innerhalb der Gesellschaften dieser Welt treiben Kräfte auseinander, oft befeuert von zusehends autokratischer regierenden Akteuren mit sich vermindernder demokratischer Legitimation. Eine politische „Hass-Liebe“ besonderer Tücke scheint die Führungen der Welt- und Großmächte miteinander zu verbinden. Ob daraus Konfliktverschärfungen bis hin zu weiteren Kriegen in militär-strategischen Aufmarschgebieten werden, können nicht einmal Insider noch gewissenhaft prognostizieren.

Fast sicher ist, dass immer mehr Menschen dieser Erde gezwungen sind, vor den brutalen Auswirkungen von Kriegen und vor bedrohlicher Armut zu fliehen. In gewisser Weise ist diese Tendenz die dunkle Kehrseite der voranschreitenden Globalisierung, der zunehmenden Abhängigkeit von Finanzmärkten ohne jede Anbindung an Grenzen vorgebende Wertvorgaben durch die Gesellschaften, aber auch der autokratischen politischen Formierung von Eliten in Welt- und Großmächten.

In Mitteleuropa dominieren bekanntlich die Wohlstand, Wachstum und Stabilität im gesellschaftlichen Gefüge spendenden Vorteile der Globalisierung, auf die kaum jemand gern freiwillig verzichten möchte. Die dunklen Seiten zeigen sich eher an den Rändern der Gesellschaft, die breitere Mitte bleibt von erlebten Auswirkungen eines sozialen Abstiegs (noch?) verschont. Nicht ohne Grund ist Deutschland heute weltweit eines der geschätztesten Länder dieser Welt.

Dennoch zeigen sich erste Risse in der gesellschaftspolitischen Stabilität, sie brechen herein in das politische Gefüge: Rechtspopulisten bis hin zu erklärten Rechten sind im Deutschen Bundestag mit der AfD-Fraktion vertreten; erste Versuche einer Regierungsbildung sind gescheitert und viele ahnen, dass eine weitere Große Koalition zwar eine stabile Regierung versprechen kann, nachhaltige gesellschaftliche Stabilität möglicherweise nicht. Zu viele Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden nicht ernsthaft genug geprüft, notwendige Antworten eher bloß verschoben.

Die dunklen Seiten der Globalisierung beschäftigen Mitteleuropa derzeit vornehmlich als Reaktion auf die weltweit anwachsende Zahl der Flüchtlinge sowie im Selbstverständnis als (gefestigte) Demokratien auf international agierenden Terrorismus. Vergessen ist heute schon, dass die damalige „rot-grüne“ Bundesregierung (Schröder, Fischer usw.) sich v.a. nicht am militärischen Einmarsch in den Irak – ohne UN-Mandat – beteiligen wollte, weil ein Flächenbrand in der Region vorausgesehen wurde. (Die Lügen der damaligen US-Regierung über „Giftgas“-Produktion und -Einsatzplanung des Irak waren zu diesem Zeitpunkt öffentlich noch gar nicht bekannt.) Mit dem Erstarken der IS-Kommandos und deren terroristischen Zielen in den USA und Europa hat sich diese Voraussicht nur bestätigt.

Die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen in den letzten Jahren aus Staaten, die in bürgerkriegsähnliche Zustände gekommen sind als Folge des o.g. Flächenbrandes, der von Groß- und Weltmächten genutzt wurde, ihrerseits um militärische Hegemonie im Nahen Osten kämpfen zu lassen.

Mit den Flüchtlingen haben sich viele Probleme in der Begegnung von Menschen aus sehr verschiedenen Kulturkreisen ergeben, Muslime mussten auswandern in (ursprünglich) christlich geprägte Kulturkreise, die zivile Gesellschaft in Deutschland hat sich in der international hoch geachteten Willkommen-Kultur um erfolgreiche Migration bemüht – oft nur mäßig unterstützt aus der Politik.

Die Begegnung von Muslimen und Christen war noch nie problemlos, obwohl beide monotheistische Weltreligionen sich auf einen Gott und denselben Stammvater Abraham beziehen. Der Glaube könnte einen, enthält jedoch auch viele verschiedene Wurzeln, sodass zwar ein verständnisvoller Dialog möglich und wünschenswert wäre, jedoch die verschiedenen Wurzeln sicher keine kurzfristige harmonische Verständigung versprechen könnten.

Weitere Probleme in der Migration ergeben sich aus der Vielfalt der Sprachen: Deutsche beherrschen neben der Muttersprache noch Englisch, manchmal Französisch und/oder Spanisch, im Osten häufiger auch Russisch. Flüchtlinge sprechen meist arabisch, ggf. andere regionale Sprachen, und wer in der Willkommen-Kultur engagiert ist, kennt die Notwendigkeit von Übersetzungen. Ebenso ist das Bemühen der vielen jungen Flüchtlinge, die deutsche Sprache schnellstmöglich zu erlernen, allgegenwärtig. Zugegeben: Nicht alle bringen diese Einstellung mit.

Kurzum: Wer selbst tatsächlich Flüchtlinge beim Willkommen unterstützt hat, kennt viele Probleme, die niemals verklärt werden dürften zu einer Konflikte nur überspielenden Haltung. Allerdings besäße die zivile Gesellschaft im reichen Deutschland (und Österreich) genügend Ressourcen, Flüchtlinge/Asylsuchende in einer akzeptablen Zahl (weiter) aufzunehmen und als Teil der Gesellschaft respektvoll zu integrieren. Ein konfliktloser Selbstläufer wäre ein solcher Prozess sicher nicht.

Vollkommen anders stellt sich die Reaktion der Rechtspopulisten (und Rechten) auf die dunklen Seiten der Globalisierung dar: Obwohl ein Teil der sog. „Neuen Rechten“ sich sogar „antiimperalistisch“ versteht  – sich andererseits gern vom absolut aufklärungsfeindlichen Nationalismus russischer Prägung vereinnahmen lässt – , verbinden sie ihr vorgeblich „defensiv“ verstandenes Konzept eines „Ethnopluralismus“ immer und immer wieder mit aggressiv aufgeladenen Sehnsüchten nach heldenhaftem (soldatischem) Kriegertum, ggf. auch im erträumten „Bürgerkrieg“ gegen „Überfremdung“ in der „eigenen Nation“. Nein, einige maßgebliche Vordenker der „Neuen Rechten“ sind keine Neonazis im traditionellen Sinne – nicht nur deshalb weigern wir uns, auf einfache Denkschablonen mit ebensolchen zu reagieren – ; sie verachten jedoch die maßgebliche weitreichende Tradition der europäischen Kulturgeschichte: Der Aufklärer Lessing kannte die wirkkräftigen Einflüsse aus dem muslimisch geprägten Kulturkreis im heutigen Nahen Osten, wo die aus Griechenland eingeströmte hellenistische Philosophie (mit Ursprüngen in Platon und Aristoteles) Hochkultur ermöglicht hatte. Seine berühmte „Ringparabel“ als Kernstück des Theaterstücks „Nathan der Weise“ bleibt ein Höhepunkt deutscher Kultur. Kein Geringerer als Goethe hat in seiner „Sturm und Drang“-Periode in seinem Gedicht „Mahomets Gesang“ in der Huldigung Mohammeds das eigene Genie-Selbstverständnis ausgestaltet.

Die vorgeblich geläuterte Abgrenzung der „Neuen Rechten“ gegenüber geschichtsrevisionistischen Verfälschungen der rassistisch begründeten Verbrechen des NS-Regimes (Shoah mit Millionen von für immer niemals vergesslichen (!) Morden an Juden) bleibt fragwürdig. Praktisch zeigen sie sich ständig vernetzt mit antisemitisch agierenden anderen Rechten – ohne jede Abgrenzung – und im Bodensatz der Tausenden von Hass-Posts in Social Networks, die wir inzwischen tagtäglich löschen müssen in den Reaktionen auf Facebook-Anzeigen von Artikeln, zeigt sich die reale Austauschbarkeit im Fremdenhass: Die Juden von gestern sind die Muslime von heute, sie sind parallel oder später wieder die Juden von morgen …

Wer, wie alle (!) Rechtspopulisten und Rechtsradikale, seine Identität primär aus der Abgrenzung gegenüber fremden Kulturen ableiten und begründen will, wer die eigene „Nation“ und deren “Leitkultur“ zum Alleinstellungsmerkmal der eigenen (kollektiven) Identität hochstilisieren möchte, mag zwar zeitweilig – in der Konjunktur der kulturhistorischen Reaktionen auf die Globalisierung – Oberwasser bekommen. Die (noch) unaufhaltsamen Wirkungen des globalisierten Kapitalismus und der Machtbestrebungen der Eliten in Welt- und Großmächten werden die Schranken aufzeigen: Weitere Kriege werden zu weiteren Flüchtlingen führen und gerade Bürger aus den Bundesländern, die einst die DDR gebildet haben, sollten doch wissen, dass ideologisch „gerechtfertigte“ Mauern und Reiseverbot auf Dauer das Bestreben der Menschen nach mehr Freiheit und besseren Lebensverhältnissen nicht aufhalten können.

Alle von Menschen gebaute Mauern fallen eines Tages wieder; Mauern im Glauben und in „national“ verstandenen Orientierungen fallen ebenso – vielleicht langsamer und weniger auffällig, doch umso nachhaltiger. (Trumps Mauern gegen Mexiko werden als Farce in die Geschichte eingehen: Die „weiße Rasse“ war und ist nie überlegen, sie ist einfach nur ein Teil der Menschheit.)

Zurück zur Gründung der Zeitschrift Confessiones: Empört haben wir wahrgenommen, wie zuerst die PEGIDA-Bewegung, dann die angedockte Partei AfD, in Österreich die von Burschenschaftlern durchsetzte FPÖ und die von rechtskatholischen Netzwerken stark beeinflusste ÖVP, das Christentum und das europäische Abendland in Anspruch nehmen wollten, um u.a. ihren fremdenfeindlichen Kurs sowie den Rückfall in gesellschaftspolitische Wertorierungen vor der Demokratie – hierarchische Strukturen in der Familie: der Mann als chauvinistischer „Führer“ der Kleinfamilie; gender-feindlicher Hass auf homoerotisch gewünschte Beziehungen; Untertanen-Geist gegenüber „von Gott“ und/oder von Reichtum abgeleiteten Eliten – als „die Tradition wahrende“ politische Einflussnahme gegen die strikte Umsetzung von Menschenrechten durchsetzen zu wollen.

Weder auf das Christentum noch auf die kulturelle Tradition „des Abendlandes“ können sich die Rechtspopulisten berufen, wenn sie sich „identitär“ kollektiv definieren wollen. Ein Schwerpunkt unserer ersten Veröffentlichungen lag darauf, die (eigentlichen) Grundauffassungen des Urchristentums und der philosophischen Traditionslinien in Europa hervorzuheben und g e g e n die verfälschende Vereinnahmung durch vernetzte Rechtspopulisten und Rechtskatholiken freizusetzen. Von Platon und Aristoteles über Augustinus und über Kant, Hegel, Marx, ja sogar über Nietzsche mit dessen Einfluss auf Freud, über den Wiener Kreis und Russell bis hin zur Neuzeit und eine Martha Nussbaum führte der Weg der „westlichen“ Philosophie konsequent zur Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen und deren Fortschreibung – ebenso führte dieser Weg vom Monotheismus der jüdischen Religion über die an die ganze Menschheit gerichtete Umdeutung durch das Christentum schließlich auch zum Glauben des Islam.

Wenn in diesen Jahren sich Strömungen im Islam – z.T. als Reaktion auf die Globalisierung und „Befreiungs“ansprüche aus „dem Westen“, der einst alle anderen Kulturkreise dem „freien Markt“, eigentlich aber der eigenen Kultur unterwerfen wollte – zum Menschenrechte verabscheuenden „Gottesstaat“ bekennen, sollten wir Europäer doch selbstkritisch einräumen können, dass weder die brutale „christliche“ Missionierung Amerikas mit der Ausrottung indigener Ureinwohner noch die „imperialistische“ Unterwerfung Afrikas und Asiens (Indien, China …) und auch nicht die Hinterlassenschaft dieser Epoche im Nahen Osten, v.a. aber der gerade vor knapp 70 Jahren geendete 2. Weltkrieg mit unvorstellbar vielen Toten, irgendeinen Anlass zum zeitlosen „Stolz“ auf dieses „Abendland“ bieten könnten.

Tatsächlich zersetzte das Urchristentum mit einer vollkommen überlegenen friedlichen Wertorientierung und seinem Glauben an die Erlösbarkeit aller (!) Menschen (auch) in einem Dasein nach dem Tod ein aufgerüstetes imperiales Römisches Reich mit seinerzeit hoch entwickelter Kultur.

Den (meisten) Menschen in Mitteleuropa heute fehlen weder Möglichkeiten, sich persönlich und individuell eine frei gewählte Identität zu suchen noch sich kollektiv eine Identität zu geben, sofern sie die widersprüchliche Entwicklung des globalisierten Kapitalismus verstehen und hinterfragen würden.

Kaum jemand betont die naheliegende Konsequenz: Die intensivere Begegnung der Kulturen kann nur im nach Verständnis suchenden Dialog zu einem echten Zusammenleben führen, ohne dabei das kulturell (oder religiös) Trennende zu ignorieren. Früher nannte sich eine solche Einstellung (in der Tradition der Arbeiterbewegung) „Internationalismus“ oder (in der Tradition des gebildeten Bürgertums) „Humanismus“ oder „Weltbürgertum“ (z.B. bei Thomas Mann, Lion Feuchtwanger). Seltsam: Der globalisierte Kapitalismus verführt viele Menschen, in Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Ablehnung einer konsequenten Demokratie Auswege vor den dunklen Seiten dieses Kapitalismus’ zu suchen, nicht aber in der Überwindung der traditionellen kulturellen Schranken – was nicht auf Zerstörung kultureller Vielfalt und Gleichmacherei hinauslaufen darf.

Wir suchen (auch) in den Ursprüngen des Glaubens und den Bekenntnissen zu einer auf einem Gott beruhenden Wertorientierung Sinn stiftende Maßstäbe, die den Menschen Frieden für alle versprechen können. Ein Bezug zur „Allheit“, eine Wertorientierung für alle, im christlichen und philosophisch begründeten „Abendland“ stets das Gute genannt, könnte hilfreich sein. Die Menschenrechte geben eine solche Wertorientierung, das christliche Gebot der Nächstenliebe – ohne Selbstsaufgabe – bildet den Ursprung.

Wir brauchen einen neu verstandenen Internationalismus, der die gleichen Rechte aller Menschen in den Mittelpunkt rückt, wir brauchen den Dialog zwischen allen Kulturen dieser Welt über die Konkretisierung der sich ergebenden ethischen Ansprüche. Hass, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zerstören diesen Annäherungsprozess, sie fungieren als Erfüllungsgehilfen des globalisierten Kapitalismus und der politischen Machtansprüche oligarch organisierter Eliten.

Im Selbstverständnis der Weltreligionen widerspricht ein Verständigungsprozess nicht Gottes Geboten. Wenn wir uns um ein tieferes Verständnis des – im Glauben: von Gott gegebenen – Guten bemühen, finden wir ebenso Leitorientierungen wie aus einer der Wirklichkeit (und relativer „Wahrheit“) verpflichteten wissenschaftlichen Forschung.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: