Sieben todsündige Nächte mit Simon Strauß – Wie im deutschen Feuilleton „linke“ und „rechte“ Schattengefechte geführt werden, weil eine gehaltvolle Debatten-Kultur aus dem politischen Raum verbannt worden ist.

Überhaupt kann man in Deutschland auf das Mitleid und die Tränendrüsen der großen Menge rechnen, wenn man in einer Polemik tüchtig mißhandelt wird. Die Deutschen gleichen dann jenen alten Weibern, die nie versäumen, einer Exekution zuzusehen, die sich da als die neugierigsten Zuschauer vorandrängen, beim Anblick des armen Sünders. (Heinrich Heine: Die romantische Schule, 1. Buch)
[Hier zitiert aus: Heinrich Heinrich: Sämtliche Schriften – Band 5: Schriften 1831 – 1837 – Hrsg. Klaus Briegleb, Frankfurt, Berlin, Wien 1981, S. 361 f.]

Die 1836 erstveröffentlichte „Romantische Schule“ des „entlaufenen Romantikers“ Heinrich Heine kam mir in den Sinn, als ich am Abend eines längeren Arbeitstages den Aufmacher im Kulturteil der „Lübecker Nachrichten“ las: „Ist Romantik rechts?“ (“LN”, 25.01.2018). Den Ausprägungen und dem tieferen Wesen des in Deutschland heranwachsenden, in Österreich in die Machtzentralen des Staates gewählten Rechtspopulismus ist die von mir mitgegründete Online-Zeitschrift Confessiones gewidmet. Einen erheblichen Teil meiner Freizeit verbringe ich seit Monaten mit Literatur- und Pressestudien zur Vernetzung rechtspopulistischer und rechtskatholischer Kreise im deutschsprachigen Raum. Heinrich Heines „romantische Schule“ begegnete mir erstmals 1978 in einem literaturwissenschaftlichen Hauptseminar der Universität Hamburg, geleitet von Prof. Klaus Briegleb, der sich als Herausgeber einer Heine-Gesamtausgabe beim Ullstein-Verlag (1968–1976) bereits den Ruf d e r (damaligen) Heine-Koryphäe in Deutschland erworben hatte. [1979 war er dann mein literaturwissenschaftlicher Prüfer für das 1. Staatsexamen im Fach Deutsch mit den Themenschwerpunkten Vormärz und Exilliteratur.]

Heine hat wohl mit der Romantik recht polemisch abgerechnet, als Verfasser des Buches der Lieder war er freilich gerade als romantischer Schriftsteller in jungen Jahren zu besonderem Ruhm gelangt, seine Kritik der „Romantischen Schule“ würdigt schon deshalb außerordentliche Qualitäten einiger Autoren dieser Literaturepoche. Dass „Romantik rechts“ sei, hat er nie behauptet, die reaktionären Tendenzen bestimmter Strömungen umso heftiger gegeißelt.

Die Feuilleton-Debatte über die “Sieben Nächte” des Simon Strauß verrät viel über einige beteiligte Schreibtischtäter, nur wenig über den Roman

Kulturredakteur Jürgen Feldhoff versuchte sich in seinem Beitrag in einer Replik auf die „taz“-Veröffentlichung vom 08.01.2018 (s.u.), ritterlich wollte er dem umstrittenen Autor zur Seite springen, seine thymotisch inspirierten Ausführungen enthielten freilich weitgehend nur den „faz“-Theaterjournalisten Simon Strauß (miss)verstehende Sinnestäuschungen aus eigenen (gesellschaftspolitischen) Parallelwelten:

Und wenn Simon Strauß darauf hinweist, dass das Land unter der Regierung Merkel gerade in geistiger Hinsicht dahinsiecht und immer mehr verkommt, dann kann man ihm kaum widersprechen – außer, man trägt ideologische Scheuklappen. […]

Denn es ist nicht gerade ein Ruhmesblatt, dass ein Viertel der Viertklässler nicht mehr lesen kann, um nur ein Beispiel für den immer mehr fortschreitenden Verlust klassischer Kulturtechniken zu nennen. Von Bildung ganz zu schweigen: Durch eine unter Länderhoheit stehende Bildungspolitik ist es gelungen, einen neuen Kulturbegriff zu definieren, der mit Werten, Würde und auch der Kenntnis der klassischen Werke nichts mehr zu tun hat. Das färbt natürlich ab auf den politischen Zustand, die Demokratie in diesem Lande ist dabei, sich in eine Telekratie zu verwandeln, an die Stelle von argumentierenden, informierten und womöglich auch gebildeten Entscheidungsträgern ist eine Kaste von Politiker-Darstellern getreten, die in einem schauerlichen Neusprech versucht, die Welt zu erklären. Sieben Minuten Brüllerei auf dem Parteitag der ehemaligen Volkspartei SPD hatten hatten mehr Wirkung als stundenlange Diskussionen. Diese Entwicklung hin zu einer immer stromlinienförmigeren, leereren und damit auch dümmeren Welt hat Botho Strauß beschäftigt, sie beschäftigt auch Simon Strauß. („LN“ vom 25.01.2018, hier zitiert nach „ln-online“ vom 24.01.2018, Hervorhebungen durch den Autor dieses Textes, Quelle s.u.)

http://www.ln-online.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-im-Norden/Ist-Romantik-rechts

„Okay“, beruhigte ich mich schnell wieder von eigenen inneren Ausbrüchen. 40 Jahre nach meinem Heine-Studium habe ich dank dieser tief reflektierten Wahrnehmungen eines Kulturredakteurs aus meiner Geburtsstadt endlich verstanden, weshalb Romantik auf keinen Fall rechts sein könne. Marginal hatte er sich immerhin sogar zur Debatte um die Buchveröffentlichung geäußert:

Das deutsche Feuilleton mit seiner selbstverliehenen Deutungshoheit hat ein Opfer gefunden, auf das einzudreschen sich offensichtlich lohnt. Simon Strauß, Verfasser des Romans „Sieben Nächte“, ist das Objekt der absurden Treibjagd.

Denn Simon Strauß ist alles andere als ein geistiger Wegbereiter rechten Denkens und schon gar nicht die intellektuelle Speerspitze der AfD. (Quelle s.o.)

Bevor ich nach Quellen dieser weiteren „absurden Treibjagd“ im deutschen Feuilleton suchen konnte, ergaben kurze Recherchen zur Person dieses Kulturredakteurs, dass dieser im September 2017 den „Debütpreis 2017“ des Lübecker Buddenbrookhauses – seit dem Jahr 2003 vom Lions Club Lübeck-Hanse gestiftet – zugunsten des Romans „Sieben Nächte“ ausgelobt hatte, als Jury-Mitglied war er sogar selbst an dieser Entscheidung beteiligt. In romantisch anmutenden Worten hatte er in seiner Laudatio diese Erstveröffentlichung eines talentierten Autors gefeiert: „Man kann an diesem Buch lernen, dass die literarische Fiktion weitaus wahrer sein kann als die Realität. Dass Literatur vielleicht der einzige Weg ist, aus dem Meer des Zynismus aufzutauchen. Dass erfundene Universen das eigene Denken anregen und ganz einfach glücklich machen können.“ („ln-online“ vom 24.01.2018, Quelle s.o.)

Gegen das „geistige Siechtum“ unter der Regierung Merkel mögen viele Impulse hilfreich sein, solange wir nur „von sieben Minuten Brüllerei“ auf Sozi-Parteitagen verschont blieben [die Herren Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner lassen aus der Badewanne Loriots ihre Grüße überbringen], und als Gymnasiallehrer in den Fächern Deutsch und Philosophie am direkten nördlichen Stadtrand Hamburgs kämpfe ich tagtäglich gemeinsam mit allen meinen SchülerInnen gegen eine „auch dümmere Welt“ (wir verständigen uns da wirklich gelungen).

Wie groß war zusätzlich meine Freude, als ich auf der offiziellen Website des Buddenbrookhauses Lübeck akklamierende Sätze der Museumleiterin, Dr. Birte Lipinski (Museumsleiterin Buddenbrookhaus), einer studierten Germanistin, lesen konnte:

Simon Strauß erhielt im Dezember 2017 für seinen Debütroman „Sieben Nächte“ den Debütpreis des Buddenbrookhauses. Jürgen Feldhoff, Kulturredakteur und Mitglied der Debütpreis-Jury, hat in den „Lübecker Nachrichten“ eine „Verteidigung des Autoren“ Strauß veröffentlicht. Das Buddenbrookhaus begrüßt diese Stellungnahme ausdrücklich und distanziert sich von allen Äußerungen, die versuchen, Simon Strauß als Sprachrohr der „Neuen Rechten“ zu verunglimpfen. „Simon Strauß“, schreibt Feldhoff zu Recht, „ist alles andere als ein geistiger Wegbereiter rechten Denkens und schon gar nicht die intellektuelle Speerspitze der AfD.“ Dieser Aussage stimme ich uneingeschränkt zu. (Quelle s.u.)

https://buddenbrookhaus.de/de/Debatte-um-Simon-Strauss

Den älteren Bericht zur Preisverleihung an Simon Strauß finden Sie hier:

https://buddenbrookhaus.de/de/Debuet-im-Buddenbrookhaus

Das überaus geistvolle gesellschaftspolitische wie kulturelle Niveau meiner Heimatstadt hat mich viele Jahre meines Lebens schon begleitet. Den in ihrer Jugend aus den engen Gassen dieser einstigen „Königin der Hanse“ (wie sie sich gern heute noch sieht) in andere Orte Deutschlands abgewanderten Brüdern Heinrich und Thomas Mann, die später zur Flucht und Emigration aus Deutschland gezwungen waren und infolgedessen nicht so gern wieder dauerhaft hierher zurückkehren wollten, ist ja das Buddenbrookhaus gewidmet. [Im Jahre 2000 war ich im Rahmen eines Expo 2000-Projektes als Geschäftsführer einer kleinen regionalen Multimedia-Agentur noch an der „Medialisierung“ dieses Museums beteiligt.]

Über mehrere Schreibtischtäter konnte ich somit schon erste Eindrücke gewonnen haben, als ich mich sodann dem die eigentliche Debatte auslösenden Beitrag – verfasst von Alem Grabovac, veröffentlicht am 08.01.2018 in der taz (Quelle: s.u.) – zuwendete. Der studierte Philosoph, Psychologe und Soziologe und sonntaz-Autor schien mich zunächst zu erreichen in seinem eher vernichtenden Urteil:

Ist der FAZ-Redakteur Simon Strauß wirklich der neue Messias der deutschen Literatur? Mit seiner Ultraromantik bedient er die Agenda der Rechten.

Das Buch wurde, vom Zeit-Feuilleton bis zur ZDF-Kultursendung Aspekte, als neoromantisches Manifest einer neuen Generation gefeiert, die sich nicht mehr mit der zynischen Abgeklärtheit der vergangenen Jahrzehnte zufriedengibt. (Quelle: s.u., Hervorhebung durch den Autor dieses Textes)

https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5472546&s=simon+strau%C3%9F/

Nach Rezeption weiterer, nachfolgender Debattenbeiträge bemerkte ich allerdings schnell, wie wenig sich einige Feuilleton-Journalisten ernsthaft mit der eigentlichen literarischen Quelle, Simon Strauß‘ Roman „Sieben Nächte“ befassen wollten und wie sehr sie sich (z.T. stattdessen) dem gesellschaftspolitischen und kulturellem Engagement des faz-Theaterjournalisten und Menschen Simon Strauß gewidmet hatten. Der bereits zitierte Heinrich Heine hat gleichfalls nicht darauf verzichtet, die gesellschaftspolitische Wirkung – Rezeptionsgeschichte – und die Umtriebe einiger Literaten aus der „Romantischen Schule“ ausführlich zu würdigen, immer jedoch hat er die gründlich gelesenen und verarbeiteten l i t e r a r i s c h e n Quellen fokussiert und vorrangig deren ästhetisches Niveau beleuchtet.

Häufig wurden in dieser Debatte einzelne Versatzstücke aus dem Roman „Sieben Nächte“, manchmal zunächst anstößig anmutende Sätze, mit Formulierungen aus einem faz-Beitrag sowie einer (konzeptionell wohl gescheiterten) fragwürdigen Einladung Götz Kubitscheks, einem wesentlichen Vordenker der „Identitären Bewegung“ und der „Neuen Rechten“, in einen Literatur-Salon Berlins kombiniert.

Im Interesse der besseren Übersichtlichkeit werde ich nachfolgend der Reihe nach die verschiedenen Einschätzungen des Wirkens Simon Strauß‘ nacheinander beleuchten. Wiederholt haben mich jüngere Gesprächspartner, die üblicherweise nicht Feuilleton-Debatten in deutschen Leitmedien verfolgen (können), in den letzten Tagen nach den verschiedenen Aspekten gefragt:

1) Als Privatperson hat sich Simon Strauß in Berlin für die Einladung des vielleicht exponiertesten Vertreters der „Neuen Rechten“, Götz Kubitschek, in den Diskussionsabend eines literarischen Salons eingesetzt. Als FAZ-Kulturredakteur hatte er bereits Anfang 2017 gegen die Absetzung einer Podiumsdiskussion am Theater Zürichs polemisiert, zu der u.a. der „Partei-Philosoph“ der AfD, Marc Jongen, eingeladen war. In der aktuellen Feuilleton-Debatte ist die Frage strittig, ob man mit (bestimmten) Rechten nahe bzw. aus der AfD im Rahmen von Kukturveranstaltungen öffentlich reden solle oder nicht.

2) Simon Strauß hat sich als FAZ-Kulturredakteur hat wiederholt Sympathien gegenüber dem konservativen Schriftsteller Ernst Jünger – u.a. Verfasser des Buches In Stahlgewittern – bekundet. Zudem hat er Anfang Januar 2018 als FAZ-Kulturredakteur eine eigene Deutschland-Reise so nachbereitet, dass er sich äußerst ungehalten zur Flüchtlings- und Asylpolitik der letzten Bundesregierung, v.a. zur Person Angela Merkel, offenbarte, seine Formulierungen ließen zwar auch kritische Töne gegenüber der AfD durchblicken, die Grenze zwischen „vernünftiger“ Kritik an Merkels Bekenntnissen zur Willkommen-Kultur und „unvernünftiger“, von rechtsaußen (in der AfD) aufgeladener, hat er – bewusst? – sprachlich überspielt.

3) 2017 hat Simon Strauß seinen Debütroman „Sieben Nächte“ veröffentlichen lassen, von einem Teil des Feuilleton nahezu überschwenglich gefeiert, von anderen aufgrund von einigen Gedanken und Kommentaren des fiktional ausgestalteten Protagonisten wiederum als migrationsfeindlich und als mit Rechtspopulismus sympathisierend gedeutet und – v.a. mit Blick auf denk- oder erwartbare Rezeption – sehr kritisch gewürdigt.

Zur Reihenfolge dieser debattierten Aspekte nun im Einzelnen:

Simon Strauß […] lobt die AFD als einzige Partei, die die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin vernünftig kritisiere. Dem Kulturbetrieb scheint es zu gefallen, dass da ein junger wütender Mann wieder mit der Ästhetik und den Inhalten des rechten Randes spielt.

Den Denkanstoß zu dieser kühnen These hat er, wie er kokettierend schreibt, in der rechtsradikalen Vierteljahreszeitschrift Tumult entdeckt. […]

Und [der SPIEGEL-Journalist] Weidermann findet es auch ganz toll, dass der junge Simon Strauß – der die Ausladung des rechtsnationalen AFD-Politikers Marc Jongen aus einer Podiumsdiskussion in einem Artikel als Schädigung des diskursiven Gleichgewichts bezeichnete – im Gegensatz zu seinen individualisierten Altersgenossen den Streit in der Gemeinschaft sucht. […]

Strauß will Geschichte wieder als Schicksal, als Konfrontation und Elend, als Größe und Zusammenbruch begreifen Unerwähnt ließ Weidermann dabei, dass einer dieser „Schriftsteller, Philosophen und Journalisten“ Götz Kubitschek war. Absicht oder nicht? Kubitschek ist mehrfach bei Pegida-Demonstrationen als Hauptredner aufgetreten, vertritt völkische Positionen und gilt als einer der maßgeblichen Akteure der Neuen Rechten in Deutschland.

Der Veranstalter des Abends schien ihn jedenfalls voll und ganz verstanden zu haben – denn Simon Strauß’ „neue emanzipatorische Ästhetik“, die er fast wöchentlich im FAZ-Feuilleton propagiert, ist in Wahrheit die Verwirklichung der Kubitschek’schen Visionen. Ebenso wie Kubitschek sehnt sich Simon Strauß nach dem Gegenentwurf, nach Unversöhnlichkeit, nach echter Trauer und echtem Zorn. Und ebenso wie Kubitschek will Simon Strauß Geschichte wieder als Schicksal, als Kampf, als Konfrontation und Elend, als Größe und Zusammenbruch begreifen. Im britischen Guardian erschien kürzlich ein Artikel mit der Frage, ob die neue „Ultraromantik“ junger deutscher Schriftsteller der Treibstoff für ein „antiliberales Denken“ sei.

(Quelle: s.u., Hervorhebung durch den Autor dieses Textes)

https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5472546&s=simon+strau%C3%9F/

In einer Antwort verzichtete Volker Weidermann nicht auf zustimmende Sätze in dieser Sache:

Alem Grabovac’ Einspruch freilich ist ernsthafterer Natur, denn in der Tat ist es bedenklich, wenn erklärte Illiberale wie der Blut-und-Boden-Propagandist Götz Kubitschek plötzlich in hauptstädtischen Debattensalons auftauchen. (Quelle: DER SPIEGEL 3/2018 vom 13.01.2018, S. 121 und Quelle unten)

https://magazin.spiegel.de/SP/2018/3/155230933/index.html

Am 18.01.2018 sprang die Schriftstellerin Nora Bossong in der taz ihrem Freund Simon Strauß mit einer deutlichen Richtigstellung zur Seite:

Simon und ich haben politisch wie ästhetisch unterschiedliche Ansichten, in vier Punkten sind wir uns allerdings einig: Dass wir die AfD für unwählbar halten, keine Sympathien für den Verleger Götz Kubitschek haben, es als sinnvoll erachten, sich mit Positionen, die wir selbst nicht vertreten, dennoch auseinanderzusetzen […]. (Quelle: taz.de, s.u., Hervorhebung durch den Verfasser dieses Textes)

http://www.taz.de/!5474698/

Exkurs: Wie glaubwürdig ist das Konzept vom „Ethnopluralismus“ von Götz Kubitschek?
Oder: Wer ist dessen „enger Vertrauter“ Björn Höcke?

Ob man mit exponierten „Neuen Rechten“, die in eigenen Verlagen Faschismus (mindestens) verharmlosende Bücher veröffentlichen und vertreiben lassen, unbedingt (noch) öffentlich reden muss, bleibt m.E. fragwürdig. Auf jeden Fall kann man gar nicht genug mit den Wählern rechtspopulistischer Parteien wie der AfD und der FPÖ reden und ihnen verdeutlichen, was sie wirklich von solchen überzeugten Rassisten und „Systemgegnern“ der Demokratie erwarten könnten, wären sie an die Macht gelangt. AfD-Rechtsaußen Höcke z.B. hat gerade kürzlich mit seinem Satz „Mit Islam muss am Bosporus Schluss sein“ unmissverständlich e x p a n s i v e Strategien verherrlicht, die nur in Krieg und Schrecken verwirklichbar wären. (Quellen: s.u.)

https://www.n-tv.de/politik/Mit-Islam-muss-am-Bosporus-Schluss-sein-article20256030.html

https://www.nrz.de/politik/bjorn-hoecke-mit-dem-islam-am-bosporus-muss-schluss-sein-id213255477.html

Mit Götz Kubitschek und dessen Lebensgefährtin und Mitstreiterin Ellen Kositza (und weiteren exponierten Stimmen aus dem Lager der „Neuen Rechten“) persönlich geredet hat der linke Autor Thomas Wagner und er hat diese Gespräche ausführlich in seinem 2017 veröffentlichten Buch „Die Angstmacher – 1968 und die Neuen Rechten“ über viele Seiten protokolliert. Immer wieder betonen diese „Vordenker“ der „Neuen Rechten“, wie defensiv ihr Konzept des „Ethnopluralismus“ doch sei. „Deutschland den Deutschen“ und „Der Islam den islamisch beeinflussten Kulturen“, ließe sich dieses auch so noch fragwürdige Konzept zusammenfassen. [Als durchdachte Gegenposition sei das am 09.10.2017 bei der edition suhrkamp übersetzt erschienene Buch des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität – Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur ausgesprochen ans Herz gelegt.]

Thomas Wagner leitet sein Ende 2016 geführtes Gespräch über das Konzept des Ethnopluralismus mit folgenden Worten ein: „Der Verleger Götz Kubitschek und die Journalistin Ellen Kositza gehören seit einigen Jahren zu den wichtigsten Repräsentanten der neurechten Szene. Kubitschek gilt als enger Vertrauter des AfD-Politikers Björn Höcke. (Buch „Die Angstmacher – 1968 und die Neuen Rechten“, S. 80, Hervorhebung durch den Autor dieses Textes.)

In einem Vortrag auf dem Kongress „Verteidiger Europas“ im österreichischen Linz 2016 hob Götz Kubitschek vor versammelten Burschenschaftern „Reden trennt, Handeln eint“ hervor; er trat dort u.a. gemeinsam mit dem „Querfront“-Vordenker Jürgen Elsässer, führenden Vertretern der „Identitäten Bewegung“ und Österreichs heutigem Innenminister Kickl (FPÖ) auf. Man war dort mehr unter sich; das vereinigte Handeln konnte deshalb deutlicher beschworen werden (Quellen: s.u.).

http://verteidiger-europas.at/

http://info-direkt.eu/2016/11/08/kongress-verteidiger-europas-fotogalerie/

Mitredner Felix Menzel, Chefredakteur der Jugendzeitschrift Blaue Narzisse, der als Schüsselfigur der „Identitären Bewegung“ in Deutschland gilt, wurde auf diesem Kongress sehr deutlich: „Die Folgen der Masseneinwanderung können rechtsstaatlich nicht gelöst werden. Das ist eine ganz weitreichende Feststellung, weil das nämlich heißt, dass der Bürgerkrieg tatsächlich vertagt wird. Man kann diese Probleme nicht lösen und deshalb schiebt man sie nämlich vor sich her, man verschleppt Konflikte von Tag zu Tag, weil es keine populäre Lösung gibt. Und weil man keine unpopuläre Maßnahme treffen will, vertagt man also den Bürgerkrieg […]. “ (Zitiert aus einem Redenmitschnitt von diesem Kongress, Quelle s.u.)

https://unzensuriert.de/category/tags/herbert-kickl

[In der Bildgalerie bis auf „Aktuell im neuen Unzensiert-TV“ scrollen, „Verteidiger Europas“ erscheinen lassen und Videoclip starten.]

Halten wir fest: Götz Kubitschek tritt gern vernetzt in Erscheinung und scheut dabei keineswegs den Schulterschluss mit „Identitären“ und Rechtsaußen wie Björn Höcke aus der AfD, er selbst ist sich der Wirkungen dieser Vernetzungen sehr wohl bewusst: „Reden trennt, Handeln eint“. Erst in diesem Zusammenhang ergeben die Ausführungen zum „Ethnopluralismus“ einen besonderen Sinn, wie diese von Thomas Wagner in seinem Buch protokolliert sind:

Ellen Kositza: [Der Begriff] ist rundgelutscht und missbraucht worden. Die Linken sagen, wir würden von Ethnopluralismus nur reden, aber eine versteckte Form von Rassismus meinen. Ich finde den Terminus aber immer noch sehr gültig und wahr. Er steht für eine identitäre Politik.
Götz Kubitschek: Wir verwenden ihn nicht als Tarnbegriff, sondern ehrlich. Für mich handelt es sich um einen defensiven Begriff. […] Ethnopluralismus bedeutet, dass wir den ethnokulturellen Ausdruck der anderen würdigen, und nicht vorhaben, in irgendeiner Weise missionarisch, prägend, formend oder vereinnahmend zu wirken. Diese Haltung impliziert, dass man hofft, dass die anderen auch ethnopluralistisch sind und uns in Ruhe lassen.
(Quelle: ebenda, S. 80)

Die „identitäre Bewegung“ Deutschlands beschwört inzwischen die „Festung Europa“ und will den Erhalt der ethnokulturellen Identität im Grundgesetz verankern“ lassen (Quelle: Website der „Identitären Bewegung“ Deutschlands).

Fazit dieses Exkurses: Wer sich entschließt, Götz Kubitschek zu einem öffentlichen Streitgespräch einzuladen, kann inzwischen nicht darauf verzichten, die „zwei Gesichter“ dieses Vordenkers der „Neuen Rechten“ anzusprechen. Hat er sich jemals von Björn Höcke und anderen Rechtsaußen distanziert?

Simon Strauß als FAZ-Redakteur im Feuilleton – irgendwo zwischen mit rechtspopulistischen Positionen vorsichtig liebäugelnder Kritik am „Deutschland ist weltoffen“ und irgendwie doch nach erheblich mehr Freiheit strebend

Seit Oktober 2016 ist Simon Strauß als Redakteur im Feuilleton der FAZ tätig. In dieser Rolle kommentierte er am 09.03.2017 eine nach Diffamierungen und persönlichen Beleidigungen“ und „Erpressungen“ abgesagte Podiumsdiskussion im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich mit der Schlagzeile: Theater lädt AfD-Politiker aus: Den Bösewichten eine Bühne (Quelle hier: faz.net, s.u.).

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/afd-politiker-in-zuericher-theater-ausgeladen-14915464.html

Eingeladen war u.a. der „AfD-Parteiphilosoph“ Marc Jongen, über den eben jene FAZ im Januar 2016 auf den entscheidenden, nämlich Menschenrechte verachtenden Punkt gebracht hatte:

In Europa, wo vor allem die Vernunft in Politik und Philosophie Ansehen genießt, sei der Thymos zu Unrecht in Verruf geraten, meint Jongen. Weil es Deutschland an Zorn und Wut fehle, mangele es unserer Kultur auch an Wehrhaftigkeit gegenüber anderen Kulturen und Ideologien, etwa dem Islamismus, der eine „hochgepushte thymotische Bewegung“ sei. Die AfD unterscheide sich durch ihren positiven Bezug zum Thymos von allen anderen politischen Parteien. Einzig die AfD lege „Wert darauf, die Thymos-Spannung in unserer Gesellschaft wieder zu heben“, sagt Jongen.

„Stolz und Wut sind in der AfD wichtige Emotionen“

Vom Logos-zentrierten System der sogenannten Altparteien wollen auch die AfD-Anhänger wegkommen, die sich Ende Oktober zu einem Marsch durch Magdeburg versammelten. 2000 Bürger, von denen etliche in schwarzen Bomberjacken erschienen waren, setzten dort in politische Praxis um, was Jongen im philosophischen Seminar vordenkt. Der Thymos des deutschen Volkes war dort zu hören. Zunächst recht milde mit „Merkel muss weg, Merkel muss weg!“-Sprechchören. Dann aus voller Kehle mit der Parole: „Lügenpresse, Lügenpresse!“ Auf einem Plakat hieß es: „Die Asylanten werden verwöhnt. Das Volk wird verpönt.“ Die Erregungskurve des angeblich kleingehaltenen deutschen Volkes, insofern es sich in Magdeburg versammelt hatte, zeigt steil nach oben. „Wie krank im Geschlecht und im Geiste, wie unnatürlich ist diese rot-grüne Gefolgschaft“, rief Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat André Poggenburg. Die Menge rief: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ […]

In Magdeburg stand auch Björn Höcke am Mikrofon, der thüringische Landesvorsitzende der AfD. „Ich stehe hier und atme Geschichte“, verkündete er und blickte auf zu den Türmen des Magdeburger Domes, wo Kaiser Otto der Große begraben liegt. Höcke beschwor den Geist des alten Herrschers im Sound historischer Unmittelbarkeit. „Otto – ich grüße dich!“ Denn Otto, erklärte Höcke, habe auf dem Lechfeld mit Kriegern „aus allen deutschen Stämmen“ die Eindringlinge aus dem Osten vernichtet. 1000 Jahre liege der alte Kaiser im Dom begraben, dozierte Höcke. Eine Zahl, mit der er sich stark beschäftigt. „Ich will, dass Magdeburg und Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben“, rief er. „Ich will, dass sie auch eine tausendjährige Zukunft haben! Und ich weiß: Ihr wollt es auch!“

„Ich bin kein Gegner von Höcke“

Jongen hält die oft geäußerte Empörung über Höcke für ein Missverständnis. „Es ist die Romantisierung, hinter der man den Übermut vermutet, denn diese Sprache erinnert an übermütige Zeiten“, sagt Jongen. […]

Was aber, wenn eine Steigerung des Thymos die Grundordnung der Gesellschaft bedroht? „Damit ist eine Gefahr angesprochen, das leugne ich überhaupt nicht“, sagt Jongen. „Diese Gefahr muss man aber auf sich nehmen, wenn man der existentiellen Großgefahr eines Verschwindens der deutschen Kultur begegnen will. Dann muss man mit diesen Dingen umgehen und leben.“ Die Deutschen sollen also ihre Kultur dadurch verteidigen, dass sie ihre eigentlich sehr deutsche Mäßigung aufgeben. (Quelle: s.u.)

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/marc-jongen-ist-afd-politiker-und-philosoph-14005731.html

Simon Strauß aber stieß sich an der von vielen sog. „Kulturschaffenden“ geforderten Ausladung Marc Jongens:

Debattieren sollten hier nicht wieder nur die üblichen Parteienforscher, man hatte auch einen echten und als thymostheoretischen Sloterdijk-Schüler intellektuell durchaus satisfaktionsfähigen Vertreter der Gegenseite eingeladen. Der Abend versprach spannend zu werden. Zumal in einem Haus, das traditionell ein eher junges, politisch links-alternatives Publikum anzieht. Allzu oft wurde in den letzten Monaten über die „neuen Rechten“ von und vor Diskursteilnehmern gesprochen, die sich in ihrer grundsätzlichen moralischen Ablehnung einig waren und das Gespräch nur zur Selbstversicherung nutzten. Wenn Diskussionsrunden aber mehr sein wollen als bloße Selbsthilfegruppen, dann kann ein echter Dissens wohl nicht schaden. Das Theater mit seiner alten Expertise für Spannungsaufbau ist der Ort dafür, wenn schon das Fernsehen oft aus Bequemlichkeitsgründen davor zurückschreckt. […]

Will man sich am Theater wirklich einen regressiven Öffentlichkeitsbegriff zu eigen machen und sich wie das Maxim Gorki Theater in Berlin stolz damit brüsten, Personen, die „rechtsextremen Parteien“ (also der AfD) angehören, „den Zutritt zu Veranstaltungen zu verwehren“? Ist das der richtige Weg, um den Rechtspopulismus zu schwächen? Sollen vor Vorstellungsbeginn Gewissensprüfungen eingeführt werden? Politische Musterungstests? Das Theater sollte sich doch vor Demagogie und Streit am wenigsten fürchten. Jahrtausendelang hat es Außenseitern und Bösewichten eine Bühne geboten, nicht um ihnen zu huldigen, sondern um sie durch das Spiel der Worte zu widerlegen. (faz.net vom 09.03.2017, Quelle: s.o.)

Schon im Wortlaut wird unverkennbar, dass Simon Strauß eine inhaltliche Auseinandersetzung mit „Außenseitern und Bösewichten“ gefordert hat und sich von einer Einladung Marc Jongens sicherlich gerade n i c h t eine Stärkung in dessen absonderlichen Thesen versprochen hat.

Wieder stellen sich dieselben Fragen nach der Sinnhaftigkeit einer solchen Einladung wie zu Götz Kubitschek; Marc Jongen hat seine offene Solidarität gegenüber Björn Höcke und der „Identitären Bewegung“ nie verheimlicht. (Vgl. hierzu ein längeres „Zeit“-Interview, Quelle s.u.).

http://www.zeit.de/2016/23/marc-jongen-afd-karlsruhe-philosophie-asylpoliti

Andererseits kann ich Simon Strauß dann doch folgen: Warum sollte man sich nicht i n h a l t l i c h und g e h a l t v o l l mit den gesellschaftspolitischen Positionen exponierter Stimmen aus dem Lager der „Neuen Rechten“ auch persönlich auseinandersetzen, wenn deren Zielgruppen dadurch von besseren, der Demokratie förderlichen, Argumenten überzeugt werden könnten? Das Theater wäre schon ein geeigneter Ort, wenn im öffentlichen politischen Raum eine inhaltliche Auseinandersetzung per se nicht mehr stattfindet.

Liefert Simon Strauß mit seinen Bestrebungen nach mehr Streithaftigkeit schon den „Treibstoff“ für antiliberales Denken“, wie sonntaz-Redakteur Alem Grabovac’ schrieb? Autor Thomas Wagner hat der abgesagten Podiumsdiskussion im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich und ähnlichen Anlässen ein komplettes Kapitel gewidmet: „Dem Bösen keine Bühne: das Theater schafft sich ab.“ (Quelle: „Die Angstmacher – 1968 und die Neuen Rechten“, S. 267 -286) U.a. zitiert er dort Simon Strauß, ohne ihn in seiner Gedankenwelt oder in seinem Wirken den auf mehreren hundert Seiten analysierten „Neuen Rechten“ zuzurechnen. Im Gegenteil: Auch Thomas Wagner als linker Autor befürwortet in seinem Buch Einladungen „Neuer Rechter“ zu Auseinandersetzungen im Theater.

Im Widerspruch zum von mir favorisierten Statement, „rote Linien“ in der Bekämpfung der Menschenrechte überschreitende Rassisten und Demokratie „systemverweigernde“ (Neue) Rechte primär a u s z u g r e n z e n aus einer Debatte unter Demokraten, sehe ich ein solches Ansinnen nicht. Wir wollen die Wähler rechtspopulistischer Parteien erreichen und überzeugen, sich gerade nicht „identitär“ aufladen zu lassen.

In anderen Kommentaren für die FAZ hat sich Simon Strauß stark ironisierend zum „Gefühlspolitiker“ Martin Schulz (SPD) geäußert, jenem sozialdemokratischen GroKo-Vorkämpfer also, dennach dessen gescheitertem Bundestagswahlkampf 2017in Umfragen regelmäßig eine überwiegende Mehrheit befragter Deutscher nicht mehr in einer künftigen Bundesregierung sehen wollen.

„Schulz, der als junger Mann unbedingt Profikicker werden wollte und jetzt um die Kanzlerschaft spielt, hat viele Eigenschaften eines Fußballers beibehalten: Kondition, Ballkontrolle und immer ein paar Sprüche für die Kabine. Nur mit der Torgefährlichkeit hakt es im Moment.“ spielte sich Simon Strauß nun selbst äußerst gewagt nach „rechtsaußen“ – oder ist dahin doch nur rochiert, weil anders Torgefährlichkeit im deutschen Feuilleton auch nicht mehr erreicht werden könnte?

In dieser Rolle fand er es in einem weiteren Kommentar „zunächst einmal schön, dass heute auch ein prominenter Sozialdemokrat ohne Scheu den Namen eines Schriftstellers im Mund führen kann, der in linken Kreisen lange Zeit tatsächlich als umstritten bis anrüchig galt“: Ernst Jünger. „Jetzt hat Schulz sich auf der Leipziger Buchmesse in einem Gespräch mit dem Historiker Volker Weiß über die „Faszination des Autoritären“ dazu bekannt, ein Ernst-Jünger-Leser zu sein“, entsetzte sich Simon Strauß über Martin Schulz‘ Versuch, „ausgerechnet Ernst Jünger postum zum verkappten Genossen machen“ zu wollen. (Quelle: s.u.) – Nun ja, die Versuche mancher sozialdemokratischer Spitzenpolitiker, tief in die gesellschaftspolitische Breite zukunftsgerichteter Positionen hineinzufassen, damit diese traditionsreiche Volkspartei für die Regierungsfähigkeit immer wieder innovativ befruchtet bleibt, sind hinlänglich bekannt. Mehr ist dazu wirklich nicht zu sagen. Ernst Jünger und dessen erhitzte „Stahlgewitter“ haben mich niemals affiziert, „Im Westen nichts Neues“, jahrelang geführte Stellungskriege im Gas-Krieg-verseuchten Kampf der Teutonen gegen welsche Nachbarn mit abertausenden Toten auf beiden Seiten, fand ich stets nur abschreckend.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/leipziger-buchmesse-martin-schulz-liest-ernst-juenger-14940938.html

Die großen Fakta und die großen Bücher entstehen nicht aus Geringfügigkeiten, sondern sie sind notwendig, sie hängen zusammen mit den Kreisläufen von Sonne, Mond und Sterne, und sie entstehen vielleicht durch deren Influenz auf die Erde. Die Fakta sind nur die Resultate der Ideen; … aber wie kommt es, daß zu gewissen Zeiten sich gewisse Ideen so gewaltig geltend machen, daß sie das ganze Leben der Menschen, ihr Dichten und Trachten, ihr Denken und Schreiben, aufs wunderbarste umgestalten? […]  In der Brust der Schriftsteller eines Volkes liegt schon das Abbild von dessen Zukunft, und ein Kritiker, der mit hinlänglich scharfem Messer einen neueren Dichter sezierte, könnte, wie aus den Eingeweiden eines Opfertiers, sehr leicht prophezeien, wie sich Deutschland in der Folge gestalten wird. (Heinrich Heine: Die Romantische Schule, 3. Buch)

[Hier zitiert aus: Heinrich Heinrich: Sämtliche Schriften – Band 5: Schriften 1831 – 1837 – Hrsg. Klaus Briegleb, Frankfurt, Berlin, Wien 1981, S. 466]

Nur einmal könnte sich Simon Strauß tatsächlich ernsthaft vergriffen haben in seiner anspruchsvollen Wortwahl als FAZ-Kulurredakteur: Auf der Suche nach verschütteter Wunderkraft im Ganzen machte er sich mit dem ICE und über die Autobahn kürzlich auf zu einer Reise durch Deutschland. „Ein Wintermärchen“ ist ihm da nicht begegnet wie noch Heinrich Heine, wohl schon deshalb nicht, weil in weiten Teilen Deutschlands Winterlandschaften auszusterben drohen, was gewiss nicht kausal erklärbar wäre. Die Grenzen menschlicher Erkenntnis wollen auch im 21. Jahrhundert nicht rational überstrapaziert werden.

Die Bundestagswahl liegt Wochen zurück, aber das Ergebnis wirkt nach. Die AfD ist die drittstärkste Partei Deutschlands geworden, 94 Sitze im Bundestag für eine rechtskonservative Gruppierung, die sich zuerst durch EU-Kritik profilierte, dann in internen Machtkämpfen aufrieb, aber stärker denn je zurückkehrte, weil keine andere Partei sich dazu aufraffen konnte, die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin vernünftig zu kritisieren. Zur „Alternative“ wurde die Partei, als Merkel weiter fröhlich Selfies machte, während Unterkünfte knapp wurden, Turnhallen zu Schlafstätten umfunktioniert wurden und im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Mitarbeiter unter Aktenordnern zusammenbrachen. (Quelle hier: faz.net vom 03.01.2018, s.u., Hervorhebung durch den Verfasser dies Textes)

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/simon-strauss-reist-durch-deutschland-mit-der-frage-worueber-geredet-wird-15361509.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

In einer Deutschlandreise für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, in deren Feuilleton er in Lohn und Brot ist, schreibt er von der AfD als der einzigen Partei, die Angela Merkels Flüchtlingspolitik vernünftig kritisiert habe. Er schreibt dort auch, dass Hamburg am Meer liege und dessen Hauptbahnhof „schön“ sei, zwei einfach zu widerlegende Irrtümer. Aber dass die AfD die Flüchtlingspolitik als einzige politische Kraft kritisiert hat, allerdings auf meist unvernünftige Weise, um es sanft auszudrücken, ist für einen gewissen, entscheidenden Zeitraum nicht falsch. Problematischer sind folgende Zeilen: „Es gibt nicht nur Start-up-Hipster, Hartzer und Flüchtlinge, sondern auch viele weiße Frauen und Männer in diesem Land.“

Das ist nachgeplapperter AfD-Jargon, der Rand eines Generationenkonfliktes, von dem Sohn Strauß nichts wissen kann. Dass er darauf einsteigt, mag das Reaktionäre seiner Romantik zeigen. Aber damit ist er nicht Teil der Neuen Rechten. Er schreibt schlicht dummes Zeug. (Quelle: Jan Sternberg in ln-online vom 26.01.2018, s.u.)

http://www.ln-online.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-im-Rest-der-Welt/Die-Debatte-um-den-Debuetanten-Simon-Strauss-ist-absurd

Ja, könnt Ihr denn wirklich alle nicht mehr s o r g f ä l t i g lesen? LN-Kulturredakteur Jürgen Feldhoff sollte sich vielleicht nicht nur der verschütteten Lesekompetenz von Viertklässlern widmen, sondern in eigenen Manuskripten nachlesen. Simon Strauß hat nach einer Partei gesucht, welche „die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin vernünftig“ kritisiert habe! Weder hat er „geistige[s] Siechtum“ unter der Regierung Merkel konstatiert, noch behauptet, dass dieses Land „immer mehr verkommt“ (O-Ton Jürgen Feldhoff), solche Vereinnahmungsversuche von ?? hat er nicht verdient.

Allzu viel will (nicht nur) Simon Strauß von Deutschlands politischen Parteien, wie sie sich nachgerade darstellen, nicht erwarten: „Die Meinungspluralität ist wiederhergestellt. Die Demokratie hat gesiegt. Und eine echte Opposition gibt es jetzt ja irgendwie auch – sagt man und schlurft weiter. Seltsam ruhig ist es geworden nach der ersten Aufregung. Alle wollen jetzt „mit Rechten reden“ und den Linken Verbesserungsvorschläge machen. […]  Das Staatsschiff fährt weiter, selbst wenn Sondierungsgespräche scheitern. Die Kapitänin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Angela Merkel ist der Inbegriff des Phlegmas. Wahrscheinlich muss man Merkels Mutti-Rhetorik von der autogenen Perspektive her analysieren, dann würde man auch ihren berühmten Satz „Wir schaffen das“ besser verstehen. Ganz Deutschland liegt im Halbschlaf. […]“ (Quelle: s.o.)

Voller, für mich eher doppelbödiger, Ironie, die ebenso ein entweder selbstgefälliges oder umgekehrt ein fast orientierungsloses Selbstbild vieler Staatsbürger dieses Landes karikieren könnte, beschäftigt er sich sogar mit weißen Frauen und Männern in diesem Land:

Es gibt nicht nur Start-up-Hipster, Hartzer und Flüchtlinge, sondern auch viele weiße Frauen und Männer in diesem Land. In der nationalen Marketingkampagne, die von Toleranz, Weltoffenheit und Digitalisierung bestimmt ist, finden sie meist keine Erwähnung. Manchmal schämen sie sich schon für ihre eingestaubte Identität, die den neuen Anforderungen an ein interessantes Ich nichts bieten kann. Kein Migrationshintergrund, keine Integrationsprobleme, keine Geschlechterfrage -sie kommen aus einer Zeit, als historisches Wissen, politische Ideologie und theoretische Schulung das Bewusstsein prägten. Manchmal verstehen sie deshalb die Welt nicht mehr. Auf Veranstaltungen wie diesen tanken sie Selbstbewusstsein -und werden selbst zu so etwas wie antiken Überresten.

Der Wutrentner redet sich rasch in Rage, wiederholt, sinn-und zusammenhanglos, immer wieder: „Ich sag‘ dir, Deutschland verkommt. So etwas hätte es früher nicht gegeben. Aufhängen sollte man die.“ Hat der gerade wirklich „Aufhängen“ gesagt? Wie zur Bestätigung wiederholt Gerhard in voller Lautstärke: „Aufhängen. Nichts anderes.“ (Quelle: s.o.)

„Sieben Nächte“ in romantisierender Todsünde mit Simon Strauß

Was war aber die romantische Schule in Deutschland? Sie war nichts anders als die Wiedererweckung der Poesie des Mittelalters, wie sie sich in dessen Liedern, Bild-und Bauwerken, in Kunst und Leben manifestiert hatte. Diese Poesie aber war aus dem Christentume hervorgegangen, sie war eine Passionsblume, die dem Blute Christi entsprossen. […]

Die romantische Kunst hatte das Unendliche und lauter spiritualistische Beziehungen darzustellen oder vielmehr anzudeuten, und sie nahm ihre Zuflucht zu einem System traditioneller Symbole oder vielmehr zum Parabolischen, wie schon Christus selbst seine spiritualistischen Ideen durch allerlei schöne Parabeln deutlich zu machen suchte. Daher das Mystische, Rätselhafte, Wunderbare und Überschwengliche in den Kunstwerken des Mittelalters; die Phantasie macht ihre entsetzlichsten Anstrengungen, das Reingeistige durch sinnliche Bilder darzustellen, und sie erfindet die kolossalsten Tollheiten, sie stülpt den Pelion auf den Ossa, den »Parzival« auf den »Titurel«, um den Himmel zu erreichen. […]

Novalis sah überall nur Wunder und liebliche Wunder; er belauschte das Gespräch der Pflanzen, er wußte das Geheimnis jeder jungen Rose, er identifizierte sich endlich mit der ganzen Natur, und als es Herbst wurde und die Blätter abfielen, da starb er.

Der Rosenschein in den Dichtungen des Novalis ist nicht die Farbe der Gesundheit, sondern der Schwindsucht, und die Purpurglut in Hoffmanns »Phantasiestücken« ist nicht die Flamme des Genies, sondern des Fiebers.

(Heinrich Heine: Die romantische Schule – Auszüge aus dem 1. Buch)

[Hier zitiert aus: Heinrich Heinrich: Sämtliche Schriften – Band 5: Schriften 1831 – 1837 – Hrsg. Klaus Briegleb, Frankfurt, Berlin, Wien 1981, S. 361, S. 367 f.]

Einige Feuilleton-Journalisten führender deutscher Leitmedien haben Simon Strauß aus den Niederungen gesellschaftspolitisch motivierter Debatten heraushelfen wollen und ihn mit seinem Roman „Sieben Nächte“ in die höheren Sphären der großartigen Tradition der deutschen Romantik erheben wollen. Autor Tilman Krause, Leitender Feuilleton-Redakteur der „Welt“, war sich der Widersprüchlichkeiten eines solchen Versuches in den Antworten auf eigene am 17.01.2018 pointierte Fragen immerhin sehr wohl bewusst:

Simon Strauß Wer den Gesinnungsprüfern missfällt, gilt heute als rechts

[…] Wie rechts war die Romantik? Einige kulturgeschichtliche Anmerkungen aus Anlass der Debatte um Simon Strauß.

In Erinnerung an Simon Strauß‘ Vater und Literaten aus dessen Generation ruft Tilman Krause nach dem „Reigen seliger Geister, die sich aus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft heraussehnten und -sehnen. Alle diese Unzufriedenen verlangte und verlangt es nach Tiefe und Schicksal. Sie sehnen sich nach Niveau, Stil, ja man darf sagen: Schönheit. Nach ein wenig Adel des Geistes auch und ebisschen Elite in der Herrschaft des Mittelmaßes. Diesem Reigen hat sich jetzt also auch Simon Strauß angeschlossen.

Prompt kann man jetzt Simon Strauß attestieren, er sei ein „Wegbereiter der Neuen Rechten“ (so steht’s im „Spiegel“), gar „Kubitscheks Ernst Jünger“ (so in der „taz“). Die intelligenteren unter Simons Strauß’ Kritikern arbeiten sich an anderen Zuordnungen ab.

Einige Kritiker des Simon Strauß also bohren tiefer. Sie stellen fest, dass viele Denkfiguren aus „Sieben Nächte“ auf die Romantik zurückgehen. Das macht die Sache für Simon Strauß jedoch einstweilen nicht besser. Das Schöne an der deutschen Geistesgeschichte ist ja, dass so gut wie alles „kontaminiert“ ist und irgendwie auf den Nationalsozialismus bezogen werden kann.

Gerade die deutsche Romantik, die besonders in ihrer späten, trivialisierten Form populär wurde und „fades Rosenwasser“ statt politischer Analyse anbot, wie schon Heine spottete, gerade die deutsche Romantik also kennt allerdings die Ausschläge nach rechts außen. Am Ende saß da ein katholischer Fundi wie Clemens Brentano am Bett einer Dienstmagd und protokollierte penibel und mit heiligem Ernst die „Visionen“ jener Dame, […]

Wer sich auf die deutsche Romantik beruft, kann sich also durchaus auch auf Antiautoritäres berufen. Allerdings: Einen bornierten Antisemiten wie Achim von Arnim zählt sie auch zu den Ihren. Es gilt halt wie noch bei allen Renaissancen die Losung: trau, schau, wem. (Quelle: welt.de vom 17.01.2018, s.u.)

https://www.welt.de/kultur/article172542771/Simon-Strauss-Debatte-Wer-sagt-dass-Romantik-rechts-ist.html

[Kulturredakteur Jürgen Feldhoff von den „Lübecker Nachrichten“, immerhin Juror für das Buddenbrookhaus, hat uns einen lauwarmen zweiten Kaffeeaufguss dieses Originals aus der „Welt“ servieren wollen, viel mehr als eine Farce des Loriot-Klassikers „Herren in der Badewanne“ ist ihm dabei aber nicht gelungen. Das „Welt“-Original war immerhin geistreich und differenziert angelegt, obgleich Tilman Krause mit nebensächlichen Seitenhieben gegen Widersacher, Neidhammel und Gesinnungsprüfer aus der Behörde ‚Politische Korrektheit‘“ auch nicht gänzlich geizen wollte.]

Nachdem ich also die Debattenbeiträge zu Simons Strauß‘ Roman halbwegs verdaut hatte, verließ ich mich wieder einmal auf meine Intuition, jene unmittelbare Anschauung ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes, und griff doch tatsächlich zur Quelle, jenen Debütroman, und ließ mich ein auf gelegentlich doch quälerische, häufig allerdings mehr aufheiternde Begegnungen des Protagonisten. Immer ab sieben Uhr abends schickt ihn ein schattenhafter Unbekannter auf „einen Streifzug“ durch die Stadt und sieben Abende/Nächte lang soll der personale Ich-Erzähler „einer der sieben Todsünden“ begegnen. „Auf dass du eine findest, in der du dich wohlfühlst oder für immer von ihnen abkehrst.“ Sieben Mal wird der zu Anfang von Angst vor Langeweile im vorbestimmten Mainstream-Lebensplan geplagte Protagonist einer Todsünde begegnen, sieben Mal wird er sündigen, um am Ende dann doch nur seine „Reifeprüfung“ bestanden zu haben und „einer von uns“ zu sein. „Sei mir nicht böse, wenn ich dir sage, deinem Gefühl, von dem du glaubst, es sei ein Tor zurück ins Wunderland, dem darfst du nicht trauen.“, resümiert der Protagonist schließlich (im Kap. „Vor dem Ende“).

Dieses Motiv kennen wir entweder aus der Bibel als Versuchungen Jesus Christus‘ durch den Satan in der Wüste, nachlesbar in den Evangelien des Markus oder des Lukas, und natürlich müssen wir an den faustischen Pakt mit Mephistoles denken, ausgestaltet von keinem Geringeren als Goethe, aber auch im Schlüsselroman „Dr. Faustus“ (entstanden zwischen 1943 und 1947) vom Nobelpreisträger Thomas Mann, in dem die Künstlerproblematik als Kluft zwischen ästhetischem Geist und bürgerlichem Leben meisterhaft ausgestaltet wurde. [Persönlich habe ich diesen Roman zudem als Schlüsselroman zum besseren Verständnis der schon verseuchten Gespräche Intellektueller im Vorfeld der Machtergreifung der Nazis in Deutschland gelesen.]

Mithin ist das Grundmotiv nicht unbedingt „romantisch“.

In der Erzählung niederdrückender Gelangweiltheit vor einer angepassten Karriere des Protagonisten sind dem hochtalentierten Autor weitaus mehr wiedererkennbare Eindrücke aus dem Deutschland unserer Tage gelungen, als er von seiner Deutschlandreise in der FAZ vermitteln konnte. Tatsächlich treibt den Protagonisten der „Sieben Nächte“ Sehnsucht nach Reisen in die Tiefen des Geistes um, darin mag man Parallelen zu romantischen Motiven erkennen. Aber, ach, die Flügel dieses bedauernswerten Eulen-Vogels anno 2018 wirken doch seltsam gestutzt angesichts arten-gefährdender Gesamtumstände. Trotz aller Klugheit und Weisheit erschließen sich diesem Vogel berauschende Reisen ins Innere eigentlich nicht, kein Posthorn entschlüsselt die Wege zu Palästen im Mondenschein und seine Seele vermag sich nicht hinaufzuschwingen durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus [Eichendorf]. Sehnsucht bleibt schließlich doch nur verdörrt zurück. Heinrich Heine hätte wohl philosophische Tiefe vermisst, ohne die Reisen auf dem Weg zur Durchdringung allen Menschlichens schnell in Hohlwege und Sackgassen führen müssen.

In den staubigen Archiven der Vernunft haben wir zu oft vergeblich nach Antworten gesucht auf Fragen, die nur auf offenem Deck, unter freiem Himmel gelöst werden können. […] Dass es auch ein Versteck gibt, in dem ein Geheimnis wohnt, über das man staunen kann und sich nicht den Kopf zerbrechen muss, das kann nur bestreiten, wer rein als Logiker denkt. („Sieben Nächte“, Seite 16)

Sehnt ihr euch nicht manchmal auch nach wilderem Denken? Nach Ideen ohne feste Ordnung, Utopien ohne berechenbaren Sinn, nach Ecken und Kanten, an denen ihr euch stoßen könnt? Schämt ihr euch nicht, keine Antwort zu haben auf die Frage: »Was für eine Meinung vertrittst du, die nicht auch die Mehrheit teilt?« Dabei geht es nicht um Provokation, sondern Bewusstsein. Darum zu begreifen, wo man steht und mit wem man den Standort teilt. Ich will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit spüren, nicht nur den nach Verwirklichung. Ich will Mut zum Zusammenhang, zur ganzen Erzählung. (ebenda, Seite 17)

Souverän ist, wer über die stärkste Phantasie verfügt, nicht über die schärfste Ratio. Ein Geheimclub für alle, die noch ans Geheimnis glauben. (ebenda, Seite 19)

Wenn das Wunder der Pflanzen nicht mehr belauschbar ist, wie sich noch Novalis versuchte, kann dieses „wildere Denken“ und die Suche nach „Ideen ohne feste Ordnung“ zu einem „Zusammenhang, zur ganzen Erzählung“ führen – „mutig hinein in den Geheimclub für alle, die an das Geheimnis glauben“. Man ist versucht, Simon Strauß eine persönliche Zeitreise nach Südfrankreich zu spendieren, wo 1971 äußerst rebellische hochtalentierte britische Musiker auf engstem Raum in der von Keith Richard für 2400 Dollar wöchentlich angemieteten Villa Nellcôte in weniger als einem Jahr ihr ursprünglich von der Kritik verrissenes, später als vermutlich bestes eingeschätztes Album während eines nicht enden wollenden Happenings einspielten: „Exile on Mainstreet“ ähnelt dem Ausgang des Romans „Sieben Nächte“ im Grundmotiv, doch konnten die Stones damals die Einstellungen einer ganzen Generation in vielen Ländern dieser Welt nachhaltig verändern, ihre „romantisch“ motivierte Rebellion trug zur weiteren Befreiung vermutlich Millionen junger Menschen bei. Auf die Mainstreet des kommerziellen Erfolges begaben sich die Stones anschließend in den USA, der Piraterie Keith Richards tat das keinen Abbruch. Wer sich stets auf die Ursprünge des schwarzen Blues besinnen und zu dem „Let‘s drink tot he salt oft he earth“ singen konnte, bewegte sich sicher in dieser Widersprüchlichkeit.

Oder in den Ratschlägen Heinrich Heines zu den Lehren der „romantischen Schule“:

Das Volk verlangt, daß die Schriftsteller seine Tagesleidenschaften mitfühlen, daß sie die Empfindungen seiner eigenen Brust entweder angenehm anregen oder verletzen: das Volk will bewegt werden.

[Hier zitiert aus: Heinrich Heinrich: Sämtliche Schriften – Band 5: Schriften 1831 – 1837 – Hrsg. Klaus Briegleb, Frankfurt, Berlin, Wien 1981, S. 457 f.]

Von Goethe ist der Einfluss der Volkslieder auf seine Straßburger Dichtung ja auch bekannt, sein „Faust“ gründet sich auf volkstümliche Erzählungen über den historischen „Faust“ und nicht auf esoterisch-elitärer Salondichtung einer dennoch von Sehnsucht nach Höherem getrieben Seele.

Ist die „Romantik“ der „Sieben Nächte“ mit den Todsünden irgendwie „rechts“?

Einzelne Feuilleton-Journalisten meinten, zum Nachweis einer solchen Unterstellung reiche schon das Rezitieren einzelner aus dem Zusammenhang des Romangeschehens gesogener Sätze – von Passagen lässt sich da kaum sprechen. Der fiktionale Protagonist will nun gerade im Durchleben der Begegnung mit den sieben Todsünden von der Langeweile seiner Lebensperspektiven gereinigt und innerlich geläutert werden. Schon darin liegt eine grundsätzliche Brechung aller Gedanken des Protagonisten, wie könnten daraus direkt Ansichten des Autors herausgelesen werden? Zudem sind die Wahrnehmungen, Erlebnisse und Selbstreflexionen häufig ironisierend gebrochen und in dieser mithin doppelten Brechung liegt vielleicht eine weitere Parallele zu Motiven der Romantik, erst in wiederholten regressiven Schleifen fand ihre Seele zu den Weiten der eigenen Seele.

Welche Gedanken den Protagonisten in Anspruch nehmen und welche er nicht vergeuden möchte, mag Aufschlüsse auf gesellschaftspolitische Präferenzen des Autors ermöglichen, mehr sicher nicht.

Da sucht der Protagonist in der Begegnung der todsündigen Hochmut vielleicht „Identität“:

Wenn vor wenigen Jahrzehnten noch mit dem Verweis auf die »Klassenverhältnisse« jeder Disput gewonnen werden konnte, reicht mittlerweile die »Geschlechterfrage«, um alle auf seine Seite zu bringen. Überall identifizieren wir uns mit den Diskriminierten, fühlen uns aus Solidarität selbst diskriminiert und warten auf Wiedergutmachung durch ein Gesetz. Aber eine Gesellschaft, in der sich niemand mehr zum Ganzen bekennt, ist auf Dauer nicht überlebensfähig. Die liefert sich den Spaltungsversuchen der Ideologen und Ironiker aus. Zu viel Passivität und Rückzug bestimmen unser Leben. Dagegen muss man etwas unternehmen.

Und die Begegnung der Völlerei mag nicht jedem grün erscheinen, schon Monthy Pythons vermissten da jeden „Sinn des Lebens“, doch löst der Protagonist – hier durchaus im Sinne mancher Romantiker – seine Fleischeslüste in der Sehnsucht nach Aufhebung aller Versündigungen auf:

Fleischessen ist böse geworden. Wer darauf verzichtet, rettet die Welt. Wer es verachtet, der isst auf der richtigen Seite. Wer es aber salzt und pfeffert, der gilt als unverbesserlicher Reaktionär. (Seite 48)

Ich esse Fleisch. »Fleisch von meinem Fleisch«. Als Gott den Menschen vom Alleinsein befreite, nahm er ihm eine Rippe und schuf aus ihr ein Gegenüber. Eine Gefährtin aus »seinem Fleisch«. Um dieses Fleisch wiederzufinden, wird der Mann später Vater und Mutter verlassen. Wird sich abkehren von seinem Haus, seiner Jugend, all dem, was ihm Heimat und Schutz bot. Er wird umherirren und suchen, bis er es wiederfindet –sein verlorenes Stück Fleisch. (Seite 50)

„Das große Fressen“ bekam Bürgerlichen noch nie allzu gut, die todsündigen Rülpser des Protagonisten muten einerseits libertär, ebenso aber schon fremdenfeindlich an:

Jemand, der nur so tut, als ob er kämpfen würde, wenn es drauf ankäme, und schon beim ersten fernen Kanonengrollen davonläuft. Der die freie Liebe nur in der Theorie gutheißt und bei jeder bevorstehenden Trennung zurück ins Bett seiner Mutter kriecht. […]

Viele große Worte führe ich im Mund, spreche von Revolution, Freiheit, Leidenschaft und Streit. Aber immer halte ich Distanz und fasse die Begriffe nur mit spitzen Fingern an, so, dass ich sie fallen lassen kann, wenn sie zu heiß werden. […]

Fremde sind eine Gefahr. Eine Gefahr für alle, die meinen, dass ihr Leben immer so weiter gehen werde wie bisher. Die sich nicht vorstellen können, dass sich Dinge wirklich fundamental ändern. Die immer noch hoffen, dass das, was in der Zeitung steht, nichts zu tun hätte mit ihren Müslibechern und Tennisstunden […]  (ebenda, Seiten 49 f.).

Gedankenfaulheit ist die Sache dieses Suchenden nicht. Ergo hinterfragt er den aus dem Römischen Bürgerrecht überlieferten Gemeinsinn politisch frivol, unschwer erkennt man hier die Kritik an Phrasen bevorzugenden Politikern unserer Zeit, während ihnen (im TV) „auf Sendung“ durch Stromausfall in der Energiewende urplötzlich buchstäblich der Saft abgedreht wird. Wohlgemerkt: Phrasen dreschende, untätige Politiker, erzürnen den Protagonisten während der Begegnung der Faulheit. – Heinrich Heines König Belsatzar konnte noch „Ich bin der König von Babylon“ rufen, als Jehovas geheime Zeichen an der Wand seinen Tod und Untergang schon ankündigten:

Aber die Fremden gehen uns an. Sie werden uns herausfordern, einschränken, verängstigen und umstimmen. Viele von ihnen sind krank vom Erlebten, haben sich infiziert mit dem gefährlichen Virus Erinnerung.

Das römische Reich konnte nur deshalb so schnell wachsen, weil es verstand, seine Neubürger an sich zu binden und durch diese Bindungen zu kontrollieren. Nicht durch Überwachung und Strafe wurde das Herrschaftsgebiet verwaltet, sondern durch das Gefühl, aufeinander angewiesen zu sein. […]

Dafür würde es beispielsweise reichen, wenn jeder Fremde, der unser Land erreicht, einen alteingesessenen Patron zugewiesen bekäme, den er als sein Gegenüber wahrnimmt. Der Staat an sich hat einen zu schwierigen Charakter, als dass man sich wirklich mit ihm anfreunden könnte.

Aber die Beziehung, das Versprechen zwischen zwei Menschen schafft Vertrauen über Kultur-und Moralgrenzen hinweg. […]

Seltsam, wie die Gedanken kommen und gehen. Wie sie aus Knäueln von Staub hervortreten, kurz Form annehmen, und dann wieder zu Schatten werden und verschwinden. Die Redner im Fernsehen müssen natürlich so tun, als wären die Gedanken ihnen untertan. Aber das stimmt nicht. In Wahrheit beherrschen sie uns. Vollkommen.

Die Birne zuckt und verglüht. Stromausfall. Der Fernsehbildschirm wird schwarz. Auf die Wände fallen fremde Schatten, wie eine Geheimschrift zeichnen sich Muster ab. (Seiten 61 – 65)

Zwischen offenkundigen Bekenntnissen zur Demokratie als Herrschaft des Volkes und thymotischen Anwandlungen eines Peter Sloterdejk oder Marc Jongen schwankt der Protagonist hin und her, während er der Habgier begegnet.

Ich halte nicht viel von Mehrheiten, immer wenn zu viele dasselbe meinen, werde ich wild. Wenn von einem WIR die Rede ist, fühle ich mich provoziert. Ich sitze lieber alleine im Boot, würde meinetwegen damit auch untergehen, nur um nicht das Gefühl zu haben, Worte im Mund zu führen, die schon Millionen andere zwischen den Zähnen hatten. […]

Die, die sich nie für den utopischen Glutkern der Demokratie begeistern konnten, die meinen, dass es reicht, wenn einige wenige den Laden am Laufen halten und dafür sorgen, dass die Brotpreise nicht steigen. […]

Oben über dem alten Backsteingebäude weht die Deutschlandfahne im Wind und fragt sich, wofür. Warum sich jeden Tag aufs Neue hochziehen lassen, wenn doch keiner zu ihr aufschaut. (Seite 76 ff.)

WAHRSCHEINLICH SIND WIR ZU WENIG vom Teufel besessen. Wahrscheinlich fehlt uns, was früher das Mantra der Jugend war: die Wut. Und auch das richtige Briefpapier. Wie viel wurde dagegen früher gelesen –und geliebt. Heute läuft uns dauernd die Zeit davon. (Seite 87)

Die einen sehen einen neuen Faschismus in der Literatur aufziehen, weil einem 29-Jährigen vor der Tastatur ein bisschen langweilig war und er nichts mit seinem Leben anzufangen weiß. Die anderen verteidigen den Autor und sehen „Gesinnungsprüfer“ (Welt) am Werk. […] Da ist die Frage: Geht es nicht eine Nummer kleiner, als gleich die Nazikeule rauszuholen?“ waren berechtigte Ermahnungen der Schriftstellerin Nora Bossong in der „taz“ zur Verteidigung ihres Freundes Simon Strauß (Quelle: s.o.).

Mich hat schon die Notwendigkeit einer solchen rechtfertigenden Verteidigung gestört an dieser schrecklichen Debatte um Simon Strauß. Und hier ist seine schriftstellerische Antwort auf jene Nazi-Keule:

Aber die Bücher, die stehen am Rand. Sie passen nicht ins Bild einer modernen Architektur der Leere. Deshalb werden sie ausgelagert und zu Platzhaltern degradiert. Von einem Ort, an dem Bücher wie Schätze behandelt wurden, dicker Staub das Wissen schützte, hat sich die Bibliothek zu einem profanen Ort gewandelt, an dem viel geschieht und wenig gelesen wird.

… aber auch die Bibliothek ist in Gefahr. Mit jeder Wikipedia-Seite, jedem neuen Google-Book-Scan verliert sie ein Körnchen ihrer Aura, ein Gramm ihrer Notwendigkeit. Stellen werden gestrichen, Etats gekürzt.

Auf kleinstem Raum bietet sie ihren Besuchern einen Kosmos an Positionen: In ihr hat das Reaktionäre neben dem Progressiven Platz, steht das Außergewöhnliche. (Seite 89)

Hey, Leute, falls Ihr es noch nicht gewusst haben solltet: Die echten Nazis haben Bücher verbrannt und sich nicht Sorgen um deren kulturellen Erhalt gemacht! Sehr wahrscheinlich wäre Simon Strauß‘ Debütroman als „entartete Kunst“ mit auf jene Scheiterhaufen geworfen worden!

Voller todsündigem Neid blickt der Protagonist zurück im Zorn auf vergangene Zeiten der Revolten im Umbruch der Gesellschaften Europas, er

 […] wünscht sich einen Krieg, aber die Chance des Neuanfangs, der Gründerzeit, der Wunderkinder, von der darf man doch träumen.

Als es noch Gegner gab, echte Feinde. Als feiges Nicht-Grüßen als Waffe nicht zugelassen war – »man grüßt auch Leute nicht, die man nicht kennt« (Karl Kraus).

… dass man einmal geglaubt hat, wirklich von Grund auf überzeugt davon war, alles ganz anders machen zu wollen und zu können. Den großen Umsturz planen

Selbst-, was für ein Sendungsbewusstsein gewesen sein, was für ein Machtgefühl: Ihr seid fertig, jetzt sind wir dran –

Die Revolte unserer Vormütter und -väter kam ja nicht einfach nur aus einem Gefühl heraus. Sie lief auf den hohen Absätzen der Theorie, kam intelligent und geistig gewandt daher, hatte viel und konzentriert gelesen und konnte die Verhältnisse mit Wendungen kritisieren, die wir heute nachschlagen müssen. (Seite 90 – 92)

Und schließlich verdeutlicht der Protagonist, wie er sich an Phrasen der Politiker stören konnte, nichtsdestotrotz nicht ohne Empathie für Sorgen Zugewanderter ist. In der Begegnung mit eigenem Jähzorn

… stellte sich ein junger Mann aus Syrien zu uns. Elektrotechniker mit Zertifikaten, ein Jahr in Deutschland und schon einen echten Witz in Petto: »Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare.«

Seine Eltern und seine Frau hatte er in der Nacht seiner Flucht, vom Kugelhagel zerfetzt, zurücklassen müssen. Ohne einen letzten Blick in ihre Gesichter, kein Abschiednehmen, keine Rache. Nur noch weg, fort in die Fremde. Und da stand er nun und konnte nicht anders, er musste erzählen, voller Schrecken, aber im sanften Tonfall. Ein Gedicht las er uns vor, erst auf Arabisch, dann auf Deutsch. (ebenda, Seite 120)

Und er macht plötzlich eine abfällige Bemerkung über meine Versuche, das Ungenügen in Worte zu fassen, sagt in etwa: »Immer nur Revolution –du wiederholst dich und es hat keine Folgen, du musst dich mehr reinknien, sonst wird nichts daraus.«

Eigentlich ist Zorn ja ein Gefühl aus einer anderen Zeit. Zornig klingt nach Comicstrip oder Familienvätern der Fünfziger Jahre. Vom Zorn Gottes hat sowieso schon lange niemand mehr gesprochen.

Der Zornige ist ein Kranker geworden. Ein Radikaler, der den wohligen Gemütszustand der Menge gefährdet. Nie war das Einverständnis ein so hoher Wert wie heute.

Wer zürnt, gilt als Chaot. Wer von Wut spricht, gerät unter Verdacht, wird zum Antidemokraten abgestempelt. So zweifellos gültig ist uns das Gegebene geworden, so harmoniesüchtig sind wir, dass jeder zu impulsive Gedanke uns gefährlich erscheint. Das Ideal des Widerstandes ist verkommen zur fadenscheinigen Geste.

In einer Situation, wo alle von vornherein einer Meinung sind, sei der Aufruf zum Widerstand sinnlos, denn er zeige keine Wirkung. Nur da, wo man in der Minderheit sei und die Parolen der anderen lauter tönten, nur da sei Widerstand eine heroische Tat. (ebenda, Seite 123 – 126)

Als durch die 68er Jahre geprägter Jugendlicher habe ich persönlich wohl zu einer Zeit aufwachsen dürfen, in der die Frage nach dem „Sinn des Ganzen“ eine rebellische Jugend weltweit umtrieb. Die Ermordung Martin Luther Kings und die Ermordung Robert Kennedys in den USA schwächten die dortige Bürgerrechtsbewegung vorübergehend, schwarze Fäuste während der Olympischen Spiele in Mexiko waren eine angemessene Antwort darauf. In den USA wie u.a. in Berlin wollte eine sensibilisierte (studentische) Jugend die Schrecken des von den USA ausgedehnten Vietnamkrieges nicht länger hinnehmen. In Prag verteidigten Tausende vor auffahrenden Panzern des „Warschauer Paktes“ unter der diktatorischen Hegemonialmacht UDSSR leider vergeblich einen der letzten Versuche des „demokratischen Sozialismus“ in der vorläufigen Geschichte der Menschheit. Und die Revolte des „Pariser Mai“ 1968 zog „kulturelle, politische und ökonomische Reformen nach sich.“ (Quelle s.u.)

Der Mai 1968 (auch Pariser Mai) bildet das zeitliche Zentrum der 68er-Bewegung in Frankreich. Neben Verbesserungen der Studienbedingungen wurden politische Forderungen zur Arbeitslosigkeit, zur Konsumgesellschaft(Kapitalismuskritik), zur Friedensbewegung (vor allem gegen den Vietnamkrieg, zum Prager Frühling, Internationale Solidarität) und zur Demokratisierung der Gesellschaft erhoben.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Mai_1968

Die Beatles bescherten uns ihr „Weißes Album“ und zum Jahreswechsel 1968/69 kündigte sich im Londoner „Rock and Roll Circus“ für jeden ersichtlich ein neuer „Geheimclub“ ganz besonderer Art an: Ein ursprünglich begnadeter Brian Jones konnte im Drogen-Dauer-Delirium kaum noch eine Saite richtig zupfen und im nachfolgenden 1969 war er dann das erste Genie aus dem „Club der 27jährigen“, das sich vorzeitig ins Jenseits verabschieden musste.

Zwischen Aufbruch und dem Erspüren eines Himmels der Freiheiten, zwischen Enttäuschungen und Niederlagen und der Flucht in Berauschendes oder heroisierte Gewaltexzesse taten sich die Widersprüche dieser Zeit auf, Widersprüche und Perspektiven meiner eigenen Generation.

Simon Strauß könnte nach vorn schauen, wie viele junge Menschen heute: Kriegsgefahren auf der ganzen Welt, eine skandalöse Umverteilung gesellschaftlicher Reichtümer und resultierende (wirk)mächtige, letztlich unvorstellbare Vermögensanballungen, die sich aller Wertorientierungen und gesellschaftlichen Kontrolle entzogen haben, Klimaveränderungen infolge eines noch nicht gestoppten Erderwärmungsprozesses und die digitalisierten Herausforderungen durch (noch) vermeintliche „Künstliche Intelligenz“ wären Themen, mit welchen sich thymotisch erregte Menschen auch auseinandersetzen könnten, wollten sie wirklich verantwortungsvoll auf die weiteren Geschicke der Menschheit Einfluss nehmen. Den Protagonisten der „Sieben Sünden“ beschäftigen diese Entwicklungen allenfalls als Spiegelungen von Phänomenen, die wohl auch sein Protagonist nicht verleugnen kann. Mehr hat den Autor scheinbar bislang nicht interessiert in unserer Welt.

50 Jahre nach 1968 könnte Simon Strauß für seine eigene Zukunft als an der Romantik orientierter äußerst talentierter Schriftsteller noch eine letzte Anregung Heinrich Heines aus dessen „Romantischer Schule“ mitnehmen:

Heutzutage ist die Menschheit verständiger; wir glauben nicht mehr an die Wunderkraft des Blutes, weder an das Blut eines Edelmanns noch eines Gottes, und die große Menge glaubt nur an Geld. Besteht nun die heutige Religion in der Geldwerdung Gottes oder in der Gottwerdung des Geldes? Genug, die Leute glauben nur an Geld; nur dem gemünzten Metall, den silbernen und goldenen Hostien, schreiben sie eine Wunderkraft zu. 

Heinrich Heine: Die romantische Schule (3. Buch)

[Hier zitiert aus: Heinrich Heinrich: Sämtliche Schriften – Band 5: Schriften 1831 – 1837 – Hrsg. Klaus Briegleb, Frankfurt, Berlin, Wien 1981, S. 472]

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