Wir brauchen die Stärkung und Vertiefung des Dialoges zwischen den Kulturen! Neue Artikelserie zur Kritik der verführerischen Trugschlüsse einer „identitären Bewegung“. Warum es eine „kulturelle Identität“ gar nicht gibt.

Hamburg 19.02.2018. Vorbemerkungen: eine Bestandsaufnahme.

Die Debatte um eine „neue Leitkultur“ in Deutschland nimmt Fahrt auf. In ganz Europa nutzen besonders Rechtspopulisten und Rechtskatholiken die eigentlich aus unterschiedlichen Quellen gespeiste soziale und politische Verunsicherung in wachsenden Teilen der Bevölkerung mit großem Geschick und stetig wachsendem Erfolg strategisch für die Stärkung ihrer Positionen aus. Seit vielen Jahren schon werden Behauptungen von einer Krise in der „kulturellen Identität“ in die Öffentlichkeit getragen. Ziel aller dieser Kampagnen ist das Schüren um sich greifender tiefergehender Ängste, eine pervertierte „Solidarisierung“ so mobilisierter Wähler und Anhänger im irrationalen Grundgefühl des Bedroht-Seins, die Überführung in organisierte Aktionen als Ausdrucksformen eines solchen Protestes, und schließlich die Ideologisierung im emotional aufgepumpten Kulturkampf um tatsächlich vollkommen umgedeutete traditionelle Werte herum. Im Zentrum des so von allen Rechtspopolisten und Rechtskatholiken inszenierten Kulturkampfes stehen immer innere wie äußere „Feinde“, die als Verantwortliche für das Bedroht-Sein an den Pranger gestellt werden, denn im Selbstverständnis dieser Feinde aller gewachsenen gesellschaftlichen und politischen demokratischen Strukturen in Europa kann sich die angestrebte Ideologisierung als angeblich wieder gewonnene „kulturelle Identität“ nur gegenüber Ausgegrenztem herausbilden und stärken. Wer die unzähligen Hass-Posts der bereits mobilisierten Anhängerschaft nur ein wenig studiert hat, erkennt bereits die angestrebte Richtung und Zielvorgaben: Einmal „befreit“ von allen demokratischen Normen und Umgangsformen kann dieser Mob seine neue „kulturelle Identität“ im Zerstören und Zertreten aller „Feinde“ und im permanenten respektlosen Herabwürdigen und Entmenschlichen von selbst ernannten „Minderheiten“ finden. Tiefste Erfüllung findet jener Mob in Barbarei, im „Ausrotten“ jeglicher Zivilisation. Bis in die hybriden Phantasien hinein schimmern in solchen Posts die Wünsche nach neuer eigener Größe durch, „für immer“ sollen die „Feinde“ und „Minderheiten“ „verschwinden“ – ihre Reiche sind stets auf „tausendjährige“ Herrschaft ausgelegt. Ihren Kulturkampf fassen Rechtspopulisten und Rechtskatholiken erkennbar (schon wieder) als „Krieg“ auf, die einen als „Krieg“ gegen „Überfremdung“, die anderen „mit dem Schwert des Glaubens“ gegen alles „Böse“ und „Sündige“.

Über die treibenden Kräfte der Globalisierung, über die weltweit stets nur durchzusetzende „Freiheit der Märkte“ (mit uneingeschränkten Durchgriffsrechten sich monopolisierender Konzerne auf die Bodenschatz- und Lebensmittel-Ressourcen in allen Kontinenten), von denen gern doch weiter profitiert und prosperiert werden möchte, verlieren Rechtspopulisten in der Öffentlichkeit nur selten ein Wort. Ihre Programmatik wird als Kampf gegen „Überfremdung“ und gegen zu viele Rechte für „Minderheiten“ verkauft, doch tatsächlich gemeint ist vornehmlich auch die Abschaffung sozialer Rechte aller Menschen, die Ausgrenzung gerade der „arbeitenden Schichten“ vom gesellschaftlichen Wohlstand. Nicht zufällig ist die deutsche AfD als ausgesprochen neoliberal und „wirtschaftsfreundlich“ orientierte Partei eher Besserverdienender gegründet worden, wirtschaftspolitische Forderungen mit dem Ziel einer Auskoppelung südeuropäischer Länder aus dem €uro-Einfluss-Raum standen stets im Mittelpunkt. Nach dem in Gaulands Worten „Glücksfall“, dass Angela Merkel als Bundeskanzlerin ein weltoffenes Deutschland mit den Worten „Wir schaffen das!“ versprechen wollte, ergab sich die historisch einmalige Chance, das AfD-Programm für deutlich Besserverdienende zwar weiterhin zu verfolgen, doch nicht mehr von medialer Öffentlichkeit wahrgenommen; stattdessen konnten und können nun gerade all die Menschen mit fehlenden sozialen Perspektiven, sie sogenannten „sozial Schwachen“, in ihren Ängsten vor „Überfremdung“ befeuert und im Kulturkampf für eine nationale „kulturelle Identität“ mobilisiert werden. Gelungener können Menschen vor den Bedrohungen des globalisierten Finanzkapitalismus gar nicht abgelenkt werden. Für Bestand und Festigung ihrer sozialen Rechte und für mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand werden sie dann sicher gerade nicht kämpfen, stattdessen gegen „Überfremdung“ und zu viele Freiheiten für „Minderheiten“.

Und hier erleben wir uns in diesen Tagen: Im weiteren Entwicklungsprozess unserer Gesellschaft ist der Kulturkampf schon deutlich abgekoppelt vom realen (materiellen) Dasein einer Mehrheit, die in einem der noch immer reichsten Länder dieser Erde doch alle Vorteile des Wohlstandes genießen kann und genießt. Die bereits erreichte Spaltung der Gesellschaft spiegelt nicht unbedingt die verschiedenen sozialen Interessen verschiedener Wählerschichten wider. Parallel zur sich abzeichnenden Auflösung der traditionellen großen Nachkriegs-„Volksparteien“ (SPD und CDU/CSU) festigen sich Parteien, deren Wählerbasis gemeinhin verschiedenen sozialen Schichten mit sich wachsend deutlicher widersprechenden Interessen zugeordnet werden (Grüne, Linke und FDP und AfD). Dass eines der reichsten Länder dieser Welt und eben nicht ein Land in größerer ökonomischer Krise plötzlich in eine sich chronifizierende Krise der Regierbarkeit rutscht, gleicht (noch?) gerade so gar nicht der historischen Entwicklung der Weimarer Republik.

Die Krisis des enorm globalisierten Kapitalismus vollzieht sich antizipierend im aktuellen Kulturkampf des 21. Jahrhunderts, multipliziert wird diese Entwicklung zusätzlich durch die Einflüsse der ebenfalls Marktgesetzen gehorchenden Massenmedien. In den gesellschaftspolitischen Räumen Deutschlands zerfallen historisch gewachsene Strukturen der Demokratie – v.a. in der Repräsentanz durch große Volksparteien – weitaus schneller, als durch das (noch recht stabile) ökonomische „Sein“ unmittelbar vorgegeben. In diesem Prozess, der primär aus der Gesellschaft heraus auf die Parteien (und andere bedeutende gesellschaftliche Institutionen wie Gewerkschaften und Kirchen) einwirkt, ergeben sich Chancen für eine Veränderung und Stärkung der Demokratie, wenn wir uns den w e l t w e i t e n Herausforderungen tatsächlich stellen. Umgekehrt enthält die Destabilisierung ebenso Gefährdungen, denn unübersehbar scheinen derzeit (noch) gerade die Rechtspopulisten diese Verwandlungsprozesse für ihre Zielsetzungen nutzen zu können. Bis in die „linken“ Parteien hinein bestimmen sie (noch) den Kulturkampf um eine „kulturelle Identität“, da diese sich dem eigentlichen Kulturkampf so gut wie gar nicht stellen, stattdessen sich in der Schwerpunksetzung auf bisher fokussierte Zielsetzungen (Nachhaltigkeit in der ökologischen Orientierung der Gesellschaft, soziale Verbesserungen bis hin zur „Umverteilung“ der Vermögen) allein verlassen wollen.

„Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ benannte Alexander Kluge einen 1973 veröffentlichten Band mit Erzählungen über Lebensprogramme, die von „Sinnentzug“ und „Hunger nach Sinn“ geprägt waren. Diese fiktional ausgestalteten Menschen lernen permanent. Aber es sind Lernprozesse mit tödlichem Ausgang. Sie lernen, sich ins Unglück einzufügen; und sie lernen zu spät; das Unglück überholt die Lernprozesse. Noch prägnanter aus aktueller Sicht: Die Weiterentwicklung der globalisiert erschlossenen Handels- und Finanzmärkte hat sich so dynamisch entwickelt, dass die gesellschaftspolitischen demokratischen Institutionen von jeglichem Einfluss vollkommen ausgeschlossen sind, getrieben von Ängsten um Verluste einer „kulturellen Identität“ reagieren Teile der Gesellschaft auf bestimmte Folgen der Globalisierung (mit dem sich zuspitzenden Kampf zwischen weltweiten und regionalen Hegemonialmächten), u.a. die durch Kriege und drohende Verarmung verursachte Flucht von Millionen Menschen in dieser Welt, vorrangig mit dem geradezu hilflosen Versuch, gegen in Not geratene Menschen Mauern und Außengrenzen bauen bzw. setzen zu wollen, während zugleich Finanz- und Handelskapital weltweit weiterhin „frei“ zirkulieren soll. Diese Flucht aus der Realität kann letztlich nur in einer Beteiligung an (drohenden) kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt enden.

„Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ haben die Spitze der traditionsreichen deutschen Sozialdemokratie, einst gewachsen aus der Arbeiterbewegung, schon erreicht, sie drohen diese Partei in der tiefen inneren Substanz voll zu treffen. Ob darin primär ein Anlass zur hämischen Freude liegen könnte, mutet schon sehr fragwürdig an. Denn sind die Lernprozesse anderer SpitzenpolitikerInnen denn wirklich besser und gründlicher analysiert? Und v.a. können sie die Deutschen mehrheitlich erreichen und überzeugen?

„Wieder mehr über Werte sprechen“, profiliert sich „CSU-Hoffnungsträger“ Markus Söder dieser Tage, „die neue Sehnsucht nach Heimat“ aufgreifend.

»Sie waren immer der Mann für die Abteilung Attacke. Den alten Söder, der vor allem austeilt, wird es bald nicht mehr geben, oder?

Jeder reift an seinen Aufgaben. Aber natürlich bleibt man authentisch. Als Ministerpräsident will ich das Beste für Bayern erreichen. Bayern geht es super, aber nicht allen geht es super in Bayern. Da wollen wir helfen. Außerdem zeigen wir klar, dass wir ein Angebot machen, um alle verunsicherten bürgerlichen Wähler wieder bei der CSU zu vereinen.

Woher kommt diese Verunsicherung?

Seit 2015 ist die Seelenlage der Deutschen durcheinander. Die mas­senhafte Zuwanderung hat alles verändert. Das Ergebnis der Bundestagswahl ist Ausdruck davon. Deshalb ist es gut, dass jetzt auch in Berlin die Begrenzung der Zuwanderung beschlossen wird. Aber neben einer Begrenzung der Zuwanderung, einer verbesserten Rückführung abgelehnter Asylbewerber braucht es auch eine kultu­relle Debatte. Unser Land ist christlich-abendländisch geprägt und das soll es auch bleiben. Viele Menschen wünschen sich eine klare Haltung dazu. Wir sind für die bürgerliche Mitte, aber auch für die demokratische Rechte da. Der Satz von Franz Josef Strauß, rechts von der Union darf es keine demokratisch legitimierte Kraft geben, ist eben kein Satz für die Mottenkiste, sondern bleibt strategischer Leitsatz der Union.

Hat auch Angela Merkel diesen Satz inzwischen verstanden?

Wir haben in der Union jetzt eine klare Position in Sachen Zuwanderung. Manch einer sagt, vor der Wahl wäre es besser gewesen. Ich glaube, es war erst nach dieser Wahl mit diesem Ergebnis möglich. In der gesamten Union wird das Interesse an den eigenen Wurzeln und an der eigenen Identität wieder stärker. Wir sind auf einem guten Weg, aber ein gutes Stück liegt noch vor uns. […]

Sie waren Deutschlands erster Heimatminister. Was kann dieses Ressort im Bund bringen?

Als ich als Heimatminister angetreten bin, wurde das Ganze noch belächelt und als Folklore abgetan. Doch Heimat ist ein sehr emotionaler Begriff und der seelische Anker für jeden Einzelnen. Und man kann ihn mit praktischer Politik hervorragend unterfüttern.«

(Quelle hier: „Lübecker Nachrichten“ vom 17.02.2018, S. 5 – Vergleichbare Aussagen Söders wurden auch über andere, überregionale Medien verbreitet.)

Da mag dann auch ein anderer neuer „Hoffnungsträger“, jener der Grünen, Robert Habeck, nicht gänzlich nachstehen und bereitwillig in diese Debatte einsteigen. Zum Umgang mit dem Begriff „Heimat“ kommentierte er kürzlich: „Da verbietet sich jede Form der Verächtlichkeit.“

Ja, wir stellen wir uns gern der von Söder geforderten Debatte „über mehr Werte“ und starten mit einer Artikel-Serie:

Wir brauchen die Stärkung und Vertiefung des Dialoges zwischen den Kulturen! Zur Kritik der verführerischen Trugschlüsse einer „identitären Bewegung“. Warum es eine „kulturelle Identität“ gar nicht gibt.

Beginnen werden wir mit einer ausführlicheren Darstellung der anregenden Analyse des französischen Sinologen und Philosophen François Jullien. Seine Studie „Es gibt keine kulturelle Identität – Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur“, ins Deutsche übersetzt, erschienen am 09.10.2017 bei der edition suhrkamp, plädiert für einen Dialog zwischen den Kulturen und begründet ausführlich aus der Geschichte Europas [Leitidee des Universellen aus der Tradition der Philosophie, des Christentums und des Römischen Rechtes], weshalb es eine „kulturelle Identität“ schon als Vorstellung gar nicht geben kann. 

In einem zweiten Teil werden wir die Trugschlüsse der „identitären Bewegung“ und aller „Leitkultur“-Bekenntnisse (mit entsprechender Fixierung in den Parteiprogrammen der CDU/CSU und der AfD) analysieren. Ein weiterer Teil der Serie wird sich mit der von allen Rechtspopulisten stets in Anspruch genommenen Tradition einer Philosophie des Irrationalen – v.a. Spengler, Nietzsche, Sloterdejk und Jongen – beschäftigen, woraus die Umdeutung der traditionellen Werte des Christentums und der auf Rationalität begründeten praktischen Philosophie [-> Ethik -> Begründung von Normen und Werten] immer abgeleitet wird. Abschließen wollen wir diese Serie zum notwendigen Dialog der Kulturen mit einer kritischen Analyse der Aussagen einiger prominenter Grüner und Linker, die gelegentlich zweckopportunistisch in die Fallen dieses Kulturkampfes hineingetappt sind.

Soviel sei vorab schon in Erinnerung gerufen: Jesus Christus, dem das „christliche Abendland“ doch viele Wertgebungen zu verdanken hat, hat sich nicht verträumt in die Olivenhaine Jerusalems begeben, während das römische Imperium Judäa bereits zur tributpflichtigen Kolonie unterjocht hatte. Der biblischen Überlieferung nach soll er im äußeren Tempelbezirk in Jerusalem recht wütend geldgierige Händler attackiert haben und seine Heimat gerade nicht in diesem Jerusalem gesehen haben, sondern in einem inneren Reich mit einem Gott als höchster Vorstellung alles Guten. Seine Heimat waren Gott und der Heilige Geist, woraus er allen Menschen Frieden versprechen konnte. Jesus Christus hat sich nicht damit begnügt, im Vorgarten einer Hütte Oliven zu züchten, darin seine Heimat zu sehen und sich aus dieser irdischen Welt einfach abzuschotten. Seine Nachfolger, auch Apostel oder Evangelisten genannt, rissen die Grenzen des römischen Reiches gerade nieder und wollten a l l e Menschen dieser Welt erreichen. – Aber was versteht eine „Christlich Soziale Union“ schon vom Christentum und dessen Ausbreitung?

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