Kulturelle Ressourcen verteidigen und stärken! Wir brauchen eine Vertiefung des Dialoges zwischen den Kulturen! Eine fundamentale Kritik der „Leitkultur“-Debatte und der „identitären Bewegung“.

Hamburg 21.02.2018. Wir brauchen die Stärkung und Vertiefung des Dialoges zwischen den Kulturen! Zweiter Teil der Serie.

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Der Suhrkamp Verlag hat im Oktober 2017 eine Studie des französischen Philosophen und Sinologen François Julliens erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht: „Es gibt keine kulturelle Identität – Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur“. In seinen hochaktuellen Denkanstößen zur europaweit geführten Debatte um eine „nationale Leitkultur“ gegenüber einer „multikulturellen Gesellschaft“ – in rechtspopulistischer Zielsetzung sogar entschieden „identitär“, d.h. nationalistisch und v.a. fremdenfeindlich verstanden – begründet der Autor aus der Analyse der philosophischen, christlichen und politischen Tradition Europas, weshalb die so erfolgreiche Leitidee des „Universellen“ notwendig gerade nicht zur (eurozentristisch gedachten) analytischen Differenzierung in „kulturelle Identitäten“ führen kann, da sich die Kulturkreise dieser Welt immer nebeneinander und im wechselseitigen Austausch und gegenseitiger Befruchtung weiterentwickelt haben und eben nicht aus der „Identität“ einer „ursprünglich einheitlichen Kultur“ entstanden sind.

Statt der Betonung einer nach allgemeingültiger „Identität“ suchenden Differenz (zwischen „national“ verstandenen Kulturen) plädiert François Jullien für aus dem chinesischen Denken geläufige Sichtweisen im Abstand, in der Spannung (zueinander), der Fokus sollte auf den produktiv aktivierten Ressourcen liegen, die aus eigener wie anderer Kultur gewonnen werden können. In einem solchen Dialog der Kulturen kann durchaus auch ein gemeinsamer Nenner gesucht werden, z.B. in den Arbeiten der Unesco für eine planetare Ethik, doch sollte dem Individuellen und Einzelnen eine gleichrangige Bedeutung zukommen zusätzlich zum Universalen und Gemeinsamen, wie in der Tradition der europäischen Philosophie, Religion und Politik stets einseitig hervorgehoben. In diesem Denken kann die Vielfalt der Kulturen erhalten und verteidigt werden, François Jullien sieht sie, wie viele andere, bedroht durch den Siegeszug der gleichformenden Globalisierung.

Aus der ökonomisch bedingten weltweiten Ausdehnung der Märkte hat sich die Tendenz zur Einebnung aller Kulturen mit einer rudimentären „Weltsprache“ (in sprachlich reduziertem Englisch) entwickelt. Austauschbare Standards und Stereotype sind Markenzeichen dieser neuen „Weltkultur“, demgegenüber sollte Gemeinsames in Sprachvielfalt und (anspruchsvoller) Pflege und Aktivierung vorhandener kultureller Ressourcen gesucht und gefunden werden. In mehrfacher Hinsicht ist der so verstandene Dialog der Kulturen“ in unserer Zeit mehr oder weniger akut bedroht durch die ökonomische Globalisierung, nicht verantwortungsvoll gelebter Migration, z.B. durch gesellschaftspolitisch ungenügende Stadtplanung sowie Bildungs- und Kulturpolitik in Ballungsräumen Westeuropas, aber besonders auch durch anwachsende „identitäre“ Absetzbewegungen, die nur noch Abkapselung und Begrenzung gegenüber angeblicher „Überfremdung“ fordern und durchsetzen wollen.

Juliens Konzept eines interkulturellen Dialogs ist hier in einer übersichtlichen Grafik zusammengefasst (siehe Abbildung).

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Das Universelle als Zentralbegriff und Leitidee in der europäischen Kultur hat sich durchgesetzt

  • in der theoretischen Philosophie als Streben nach Erkenntnis des allgemeingültigen, ursprünglich „wahren“ Wesens des Seins in Abgrenzung gegenüber sich in der Zeit ständig verändernden einzelnen Phänomenen, ursprünglich als Idee des höchsten Guten vorgestellt;
  • in der Ethik in universal begründbaren Normen im Zentrum praktischer Philosophie fortgesetzt;
  • in den Wissenschaften als „wahre“ Erkenntnis der in der Natur geltenden „Gesetze“ rational und logisch konsistent wie empirisch nachweisbar Forschungsgrundlage aller technischen Innovationen des Menschen;
  • im christlichen Glauben als Reines und Absolutes aus der Gnade und Liebe Gottes, in der Inkarnation Christi als Erlösbarkeit und Sieg über den Tod, in einem prinzipiell gleichen Status aller Menschen in der Gotteskindschaft;
  • in der Gemeinschaft der griechischen Polis und im römischen Recht für die Bürger, geteilt durch alle, heute als moderne Demokratie mit gleichen Rechten und Pflichten aller Bürger unser politisches Fundament.

Eigener Kommentar: In der Abhandlung Julienns steckt auch ein besonderes Konzept menschlicher Freiheit, das wir abschließend vorerst nur andeuten wollen: Das Streben nach Universellem ermöglicht erst die rational begründete Erkenntnis aller Determinationen des Menschsein (in der Natur), darauf aufbauend die Entwicklung der Wissenschaften und des technischen Fortschrittes, woraus sich eine Befreiung von Einschränkungen in der Natur entwickeln konnte. Aus den Wissenschaften erwuchsen die Kultur-Wissenschaften und die Wissenschaften vom Menschen (Medizin, Psychologie, Soziologie), die eine Befreiung von inneren Determinanten ermöglichen könnten. Ohne kritische Reflexion aller dieser Determinanten ist eine weitere innere wie äußere Befreiung des Menschen als „Dialektik der Aufklärung“ im Sinne Adornos nicht denk- und realisierbar.

Aus der Idee des Höheren, Universellen entstand zugleich der befreiende Impuls, immer neue Horizonte freizusetzen, sowohl im Geistig-Kulturen als auch im Materiellen (Kapitalismus hat die globale Welt erobert und durchdrungen). Doch können diese Impulse immer nur als neu gewonnene „Freiheit für …“ umgesetzt werden, wenn Menschen auch als emotional getriebene Wesen experimentieren und sich ausprobieren.

Ein solches „Verstand und Herz“ umfassendes Konzept der Befreiung finden wir noch in den Quellen der europäischen Kultur, beispielsweise in Sophokles‘ Drama „Antigone“: Der ursprünglich dionysische Kult von Rausch und Gesang blieb im „Chor“ noch enthalten, Antigone als rebellische Frau mahnt aber zu Recht die „höhere Ethik“ der Götter gegenüber sich tyrannisch gebärdender Hybris in der Staatsführung des amtierenden Königs an.

Fünfzig Jahre nach 1968 darf nicht vergessen werden, dass die Suche nach tieferer Befreiung des Menschen damals nicht nur in politischer Theorie und rebellisch umgesetzter Praxis bestand, sondern ebenfalls im Kunst- und Lebenskonzept des Rock’n Roll, sich diese Welt einfach zu erobern und zu nehmen. Aus den Roots des Blues ergaben sich plötzlich weitaus mehr Perspektiven als nur die Riffs eines Keith Richard.

Heute könnten sowohl romantische als auch aufgeklärte Traditionen wieder belebt und gefestigt werden, mehr Freiheit finden wir schließlich vor allem aus uns selbst heraus und in uns selbst.

Die Befreiung des Menschen nur als Befreiung vollkommen entfesselter Finanzkräfte in den Weltmärkten zu sehen, ist ein gefährlicher Trugschluss nicht nur „neoliberaler“ und „postmoderner“ Ideologie; Parteien wie die deutsche Sozialdemokratie mit einer langen Tradition in der Arbeiterbewegung drohen in diesem Trugschluss zu zerbrechen. Sogar ein „gutes Management“ des globalisierten Kapitalismus steht im Widerspruch zum „Dialog der Kulturen“ als auch zur (weiteren) Befreiung des Menschen.

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Diese Reihe wird in den nächsten Tagen fortgesetzt durch eine Analyse der Trugschlüsse der „identitären Bewegung“ und aller „Leitkultur“-Bekenntnisse (mit entsprechender Fixierung in den Parteiprogrammen der CDU/CSU und der AfD).
Ein weiterer Teil der Serie wird sich mit der von allen Rechtspopulisten stets in Anspruch genommenen Tradition einer Philosophie des Irrationalen – v.a. Spengler, Nietzsche, Sloterdejk und Jongen – beschäftigen, woraus die Umdeutung der traditionellen Werte des Christentums und der auf Rationalität begründeten praktischen Philosophie [-> Ethik -> Begründung von Normen und Werten] immer wieder abgeleitet wird. Abschließen wollen wir diese Serie zum notwendigen Dialog der Kulturen mit einer kritischen Analyse der Aussagen einiger prominenter Grüner und Linker, die häufig zweckopportunistisch in die Fallen des vom Rechtspopulismus geführten Kulturkampfes hineingetappt sind.

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