HC Straches Männerlpartie: Das Prinzip „Anständigkeit“ in den Kommunikationsstrategien der Neuen Rechten.

Wolfgang Blankschein: Könnte man davon sprechen, dass sich die Ereignisse gerade überstürzen in Wien?

Diana Sonntag: >Mutwilliges< ist allemal zu einer brisanten Formulierung mutiert, genauso wie die >schiefe Optik<. Ich sage: Das ist gewollt und von langer Hand geplant.

Wolfgang Blankschein: Wir s-o-l-l-e-n uns wie überrumpelt fühlen? Von was? Von wem?

Diana Sonntag: Es handelt sich bei diesen Vorgängen in Deutschland und Österreich rund um die Wahlen, Regierungsbildungen, bei der Machtverteilung und nun auch Machtausübung um die faule Frucht eines sogenannten konservativen Marsches durch die Institutionen. Diese im Kern anti-demokratische Saat, die auf den ersten Blick an den Rändern der Gesellschaft gestreut wurde, die aber tatsächlich ganz gezielt im bürgerlichen Lager ausgebracht wurde, ist in der Mitte unserer Gesellschaft aufgegangen. „Rand“ und „konservativ“ sind Begriffe, über die debattiert werden müsste. Das ist viel zu lange ausgeblieben. Das war leichtsinnig. Wir sollen uns, nachdem wir sukzessive aus der „linken Trance“ aufgewacht wurden, dauerhaft überrumpelt fühlen, damit die Strategie der Spannung, der Kontroverse, seit 2017 parlamentarisch legitimiert, damit der  Krieg der Meinungen jetzt ungehindert zu polarisieren im Stande bleibt. Meinungen statt Tatsachen. So fängt es immer an. Die Neue Rechte betreibt eine Umerziehung. Zum Wahrlügen und zur Gewaltbereitschaft. Populismus ist ein Mittel zum Zweck. Das Ende vom Lied könnte sich bald noch ganz anders anhören als >Beweissicherungen ohne Behinderungen<.

Wolfgang Blankschein: Warum hätte über „Rand“ und „konservativ“ diskutiert werden müssen? Und warum ist es ausgeblieben?

Diana Sonntag: Dass das Strache-Prinzip der „Anständigkeit“ verlogen war und ist – das wusste man. Von der „Buberlpartie“ zur „Männerlpartie“, das war ein Katzensprung, wenn überhaupt – auch das wusste man. Es mangelte seriösen Debatten, das kann ich über die deutschen Medien sagen, nicht an Ausgewogenheit, und das möchte ich auch den österreichischen Medien unbedingt zu Gute halten, aber es kam im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einer überproportionalen Besetzung qualitativer Redezeit mit Rechtspopulisten, so dass sich ihre Kontroversen schleichend zur Leitkultur des öffentlichen Diskurses mausern konnten. Dadurch wurde die Grenze des Zumutbaren verschoben. Namentlich indem ein Aufschrei vonseiten der Politik ausblieb. Ich konstatiere hier eine völlig unangebrachte Nonchalance. Die Öffentlichkeit wurde an die Zumutungen von Hate Speech und Gewalt als „politische“ Option regelrecht gewöhnt. Der rechte Marsch durch die Institutionen setzte sich somit korrekt gesprochen zwar nicht in der Mitte der Gesellschaft in Bewegung, aber es war die Mitte der Gesellschaft, die mit rechtspopulistischer Propaganda regelrecht bombardiert wurde, bis dieser Marsch in der Mitte ankommen konnte.

Wolfgang Blankschein: Das Prinzip „Anständigkeit“ als politische Kommunikationsstrategie rechtspopulistischer Umerziehung. In unserer Mitte. Funktioniert sie nicht nur so lange, bis Journalisten sich trauen, jene Strategie der Spannung, die ja in Wahrheit dahinter steckt, zu entlarven und zu durchbrechen? Haben Journalisten dieser Tage mehr Verantwortung?

Diana Sonntag: Jeder hat Verantwortung! Immer! Oder wie Hannah Arendt es ausdrückte >Keiner hat das Recht zu gehorchen<.

Wolfgang Blankschein: Du spielst auf ein Interview an, das 1964 als Hörfunk-Sendung ausgestrahlt wurde. Gegenüber Joachim Fest äußerte sie sich im Zusammenhang mit der Bemerkung Eichmanns, er sei nun mal zum Gehorsam erzogen worden, dahingehend: dass das Gehorchen doch spätestens im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr ein Ende haben sollte.

Diana Sonntag: Als führerloses Dasein bezeichnete Hannah Arendt in jenem Interview mit der ihr eigenen Ironie das Gefühl der >Weltuntergangsstimmung ab Mai 45, als keine Befehle mehr eintrafen<, wie Eichmann es selbst erklärte.

Wolfgang Blankschein: Die Bürde eines „führerlosen Dasein“ als melancholischer Abspann gemütlicher Grausamkeiten …

Diana Sonntag: Und der Aufstand der „Anständigen“ als Vorspann zur absoluten Pflicht, >die Beweissicherungen nicht zu behindern<.

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