Rassistische Hetze im Wahlkampf: Muslimische Kandidatin der FDP zur Kommunalwahl in Schleswig-Holstein wird gegen Hass-Posts im Netz verteidigt.

Neumünster 29.03.2018. Eine muslimische Kandidatin der FDP zur Kommunalwahl in Schleswig-Holstein (am 06.05.2018) muss hasserfüllte Hetze in sozialen Netzwerken erleben, weil sie sich auf einem Wahlplakat mit einem weißen Hijab, einem Schleier, der den Kopf der ihn tragenden Frauen umrahmt, das Gesicht aber freilässt, in „Facebook” präsentiert hat. FDP-Vize Wolfgang Kubicki nimmt sie jetzt mit deutlichen Worten in Schutz. (Quelle: welt.de vom 29.03.2018)

Mit ihrem weißen Schleier will Aygül Kilic zugleich Religiosität und Weiblichkeit zum Ausdruck bringen. Wir haben erst vor wenigen Wochen hier in Confessiones ein Interview mit einer 17jährigen Muslima veröffentlicht, die täglich im Kopftuch ein Gymnasium im Großraum Hamburg (Schleswig-Holstein) besucht; im Dezember 2017 hatten wir in einem Beitrag − mit einzelnen satirischen Untertönen − über „das menschliche Kopftuch” hervorgehoben, dass das Kopftuch als Ausdruck eines tief empfundenen Glaubens an (den) einen Gott mit Sicherheit auf den jüdischen JHWH-Glauben, auf Abraham als gemeinsamen Urvater der drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, zurückgeht.¹

Nach Veröffentlichung ihres Wahlplakates ergoss sich über die Kopftuch tragende FDP-Kommunalpolitikerin eine Flut von Hass-Postings, die nach Auffassung des FDP-Ratsvorsitzenden Reinhard Ruge „an Geschmacklosigkeit kaum noch zu unterbieten” sei. In Postings soll Kilics politisches Engagement mit den Taten der Nationalsozialisten oder mit dem Treiben des Ku-Klux-Klans gleichgesetzt worden sein. (Quelle: welt.de vom 29.03.2018)
Sofort stellten sich erfreulicherweise der Vorsitzende der Kieler FDP-Landtagsfraktion, Christopher Vogt, als auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) hinter die muslimische Kandidatin. Kubicki zur Kopftuchdebatte von Neumünster: »„Wer eine muslimische Kandidatin mit oder ohne Kopftuch verunglimpft“, so der in Schleswig-Holstein lebende Freidemokrat zu WELT, „soll sich zum Teufel scheren. Wir verzichten lieber auf Wählerstimmen, als unsere Werte zu verraten“.« (Quelle: welt.de vom 29.03.2018)

Wolfgang Kubicki hat sich bereits mit der rechten AfD-Bundestagsfraktion angelegt. Gegenüber der ZEIT hat er im März 2018 berichtet, dass bei einer Debatte über Integration und zum Holocaust sinngemäß aus den Reihen der AfD ein Zwischenruf gekommen sei soll, man habe im „Dritten Reich” noch viel zu wenig Juden umgebracht. (Quelle: huffingtonpost.de vom 23.03.2018)  Die AfD hat darauf mit einer Verleumdungsklage gegen den Bundestagsvizepräsidenten reagiert.

 


¹ Nichts ist verlogener als die propagandistische Täuschung aller Rechtspopulisten und Rechtsextremen, die für sich die „Tradition des christlichen Abendlandes” in Anspruch nehmen wollen (z.B.: die „PEGIDA”-Bewegung) , diese tatsächlich jedoch in wesentlichen Inhalten verfälschen und unverkennbar ablehnen. Alle Kampagnen, die eine „konservative Revolution” und „christliche Leitkultur” fordern, enthalten im Kern den politischen Betrug der Umdeutung aller grundlegenden Wertorientierungen aus der wirklichen Tradition christlicher Religion und europäischer Philosophie:
Nicht ohne Grund beziehen sich alle Vordenker der „Neuen Rechten” stets auf den deutschen Philosophen Nietzsche, der in Werken wie Morgenröte (1881) und Die fröhliche Wissenschaft (1882) christliche Selbstverleugnung, altruistische Moral, demokratische Politik und wissenschaftlichen Positivismus als lebensfeindliche Phänomene ansah. In seinen Schriften Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887) wurde der Gegensatz zwischen aristokratischer Herrenmoral und einer Sklaven- oder Herdenmoral mit „unterwürfigen Eigenschaften” wie Demut, Mitgefühl und Wohlwollen betont. [Empfehlenswerte Quelle: Anthony Kenny: Geschichte der abendländischen Philosophie – Moderne: Nietzsche, Darmstadt, Studienausgabe 2016]
Alle Rechten bekämpfen christliche Wertorientierungen und ihr abgrundtief verlogenes „Bekenntnis” zu einer „christlichen Tradition des Abendlandes“ hat denselben Charakter wie das niederträchtige „Bekenntnis” der Nazis zum „Sozialismus”, das bekanntlich im „Röhm-Putsch”, der Ermordung aller SA-Führungskräfte im Juli 1934, endete.


Titelfoto: 27.08.2016  © Wolfgang Blankschein

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