Wie aus Muttertieren Hyänen werden

Es ist ein Phänomen! Es gibt tatsächlich immer noch Frauen, die sich über das Muttertiersein definieren wollen. Eine gewisse Zeit lang hielt ich es wirklich für Benebelungszustände durch ideologische Verfärbungen der Brillengläser, doch umso länger ich mich mit dem Thema Antifeminismus auseinandersetze, muss ich mir in Bezug auf die eine und andere Protagonistin eingestehen: Die will das ja nicht anders!

Und dann überfällt mich dieser drängende Wunsch, einen offenen Brief, zum Beispiel an Birgit Kelle, zu schreiben, ungefähr so:

Ganz ehrlich, du Facebook-Huhn! Ich habe die Nase voll davon, dass du dich aufwirfst, im Namen der „Muttertiere“ und Frauen zu sprechen. Könntest du bitte damit aufhören! Das ist so überflüssig, deine Kommentare zu Politik und Gesellschaft, zu Kultur und Gender, sowas von unerotisch, ja das komplette Gegenteil von Philosophie und Dialog. Ich bekomme diese Bilder dann einfach nicht mehr aus dem Kopf. Du beim Grillen, du beim Frühstücksfernsehen, du beim Shoppen, du beim sich Entsetzen, du beim Austeilen auf unterster Schiene, du an der Seite deines Göttergatten, eines nach eigener Auskunft Liebhabers „der schönsten blonden Frauen der Welt“, seine Hände auf deinem Körper … du in meinem Kopf. Wie bekomme ich dich da nur raus?

Ich hab da mal was vorbereitet. Man nennt es Seelenschreiben, man entwirft einen neuen Film im Kopf, man schreibt ihn um – das soll alle Symptome im Nu verschwinden lassen.

Zufällig treffe ich Birgit Kelle im Urlaub. Sie sitzt gerade im Café de Flore in Paris und postet am Laptop eine ihrer Frauengeschichten, fotografiert sich in angewiderter Pose im Angesicht der Erinnerungen an de Beauvoir und Sartre. Als sie mich sieht, blickt sie entsetzt in meine Augen, und macht dann eine Handbewegung nach dem Motto: Komm doch her, wenn du dich traust! Ich traue mich und setze mich an ihren kleinen Tisch. Dann das Wunder, Simone und Jean-Paul tauchen plötzlich aus dem Nichts auf, setzen sich an den Nebentisch. Birgit steht wütend auf, stürzt sich auf de Beauvoir und schreit: „Das ist alles deine Schuld, du bi-sexuelle Pädo-Schlampe. Du hättest Sartre bekehren können, nichts ist stärker, als das Gebet einer echten Frau, die zu sich als Frau steht!“ Ich stell mich an Simones Seite und sage: „Die gehört nicht zu mir!“ Birgit unterstreicht: „Genau, ich gehör nicht zu ihr. Ich gehör dir nicht! Ich gehöre mir selbst! Und ich lass mir das von niemandem nehmen, auch nicht von einer Simone de Beauvoir!“ Sartre wirft begeistert ein: „Das ist an sich eine richtige Einstellung, Bravo, darf ich Sie zu einem Drink einladen, liebe Birgit?“ Birgit fühlt sich langsam wieder besser. „Setzen Sie sich doch!“, lädt uns Simone ein. Wir diskutieren bis spät in die Nacht; am nächsten Morgen wache ich neben Birgit auf.

Diana Sonntag

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